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Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER)

Lans- und Iltisstraße

Warum umbenennen? Wilhelm Lans war Kommandant des Kanonenboots Iltis, das im Jahre 1900 die Dagu-Forts in China beschoss. Der Angriff war der Beginn eines Kolonialkrieges gegen China, in dem Massaker, Plünderungen, Verwüstungen und Vergewaltigungen stattfanden. Lans wurde im Deutschen Reich als »Nationalheld« geehrt.

Die Lans- und Iltisstraße in Stelitz-Zehlendorf

… kreuzen sich und liegen im Ortsteil Dahlem in der Nähe der U-Bahnstation Dahlem-Dorf. Die Lansstraße ist 320 Meter lang und bekannt durch das dort liegende Ethnologische Museum. In der kurzen Iltisstraße sitzt das Studierenden-Service- Center der Freien Universität. Nach jahrelangen Diskussionen weihte der Bezirk Berlin Steglitz-Zehlendorf 2011 eine historische Informationsstele zur Lans-, Taku- und Iltisstraße ein, die Deutschlands Rolle beim Überfall auf China zu Beginn des 20. Jahrhunderts kritisch einordnet.

Benennungsjahr der Straßen: 1906

 

Wie umbenennen?

Die Initiator*innen dieses Dossiers fordern bei der Umbenennung der Lans- und Iltisstraße den Bezug zur Geschichte beizubehalten, aber die Perspektive der Erinnerung umzukehren. Das heißt, dass Personen des chinesischen Widerstandes gegen die Großmächte und gegen rassistische und koloniale Strukturen geehrt werden sollten.

Zu möglichen Alternativnamen

 

Hintergrund

Wilhelm Andreas Jacob Emil Lans (geboren am 5.3.1861 in Hamminkeln, verstorben am 21.3.1947 in Berlin) / S.M.S. Iltis, deutsches Kanonenboot (Stappellauf des Kanonenbootes 1898 in Gdánsk/Danzig, selbst versenkt 1914 vor der chinesischen Ostküste)

Zusammen mit der Takustraße bilden die Lans- und die Iltisstraße im Stadtteil Dahlem ein Ensemble, das seit 1906 die deutsche Beteiligung am Überfall der Großmächte (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Österreich-Ungarn, Russland, USA) auf China glorifiziert: Am 17. Juni 1900 griffen Marineeinheiten der Großmächte die strategisch bedeutsamen Dagu-Forts (Taku) an der Mündung des nach Tianjin (Tientsin) führenden Flusses Hai He (Peiho) an. Bei der Beschießung wurde das deutsche Kanonenboot S.M.S. Iltis unter Führung des Korvettenkapitäns Wilhelm Lans mehrfach getroffen. Einige Besatzungsmitglieder fanden den Tod, Lans wurde schwer verwundet.

 

Das Holzschulschiff »Iltis« stand im Berliner Grunewald und diente der Schulung von Kindern für die deutsche Marine (Fotografie um 1910).

 

Deutschlands »Seeheld«

Schon wenige Tage nach dem Angriff verlieh Kaiser Wilhelm II. dem Korvettenkapitän den Orden »Pour la Mérite«: Lans und die Iltis wurden zu nationalen »Seehelden« ernannt. Der Kult um die Person Lans und sein Schiff Iltis diente der Bestätigung der Überlegenheit der deutschen Marine – nicht nur über die geringgeschätzten Chinesen, sondern vor allem über die alliierten Mitstreiter. Diesem nationalistischen Mythos entsprach auch die Legende vom britischen Kommandeur Seymour, der die von chinesischen Einheiten bedrängten Landungstruppen der Alliierten im Juni 1900 angeblich nur durch den Befehl »The Germans to the front!« vor dem Untergang bewahren konnte. (1)

 

Admiral des Kaisers

Nach seiner Genesung und Rückkehr wurde Lans in den Admiralstab der deutschen Marine berufen. Ab 1904 durfte der »Nationalheld« das Flottenflaggschiff S.M.S. Kaiser Wilhelm II. kommandieren. 1913 wurde Lans geadelt und wenig später zum Admiral befördert. In seinem Wohnort Berlin, in Köln und in seinem Geburtsort Hamminkeln wurden nach der Bombardierung der Dagu-Forts jeweils Taku-, Lans- und Iltisstraßen sowie -plätze eingeweiht. Die Stadt Moers pflegt den Lans-Mythos bis heute und berichtet auf ihrer Website: »Jährlich erweist die Moerser Marinekameradschaft ›Admiral von Lans‹ [gegr. 1907, Anm. d. Red.] dem Helden von Taku an seinem Todestag die Ehre.« (2)

 

Gemeinsam gegen China

Dabei war der Angriff auf die Festungen der Beginn einer Invasion der imperialistischen Staaten, die in Europa verharmlosend als »Niederschlagung des Boxeraufstandes« bezeichnet wird. Denn im Verlauf dieses Krieges zerschlugen die Großmächte nicht nur den antikolonialen Widerstand der von Bauern getragenen Yìhétuán (»Verbände für Gerechtigkeit und Harmonie«). Sie brachen auch den Widerstand der chinesischen Regierungstruppen gegen die ausländische Einmischung in politische, religiöse und wirtschaftliche Angelegenheiten Chinas. Dabei dienten die Belagerung des Pekinger Europäerviertels durch die chinesischen Kämpfer und die Tötung eines deutschen Gesandten als Vorwand für einen »ganz gewöhnlichen Eroberungskrieg und Rachezug«, wie es August Bebel im Reichstag beschrieb. (3)

 

»Gefangene werden nicht gemacht!«

Das Ziel war die Kontrolle, Ausbeutung und Demütigung Chinas, das zur »Halbkolonie« degradiert wurde und Reparationszahlungen leisten musste. Die Kaiserstadt Peking wurde verwüstet und geplündert, es gab Massaker an Kriegsgefangenen und Zivilisten sowie Vergewaltigungen chinesischer Frauen. Das deutsche Militär hielt sich dabei nicht zurück. Der Kaiser erreichte, dass das im Juli 1900 ausgesandte Invasionsheer unter das Kommando des deutschen Generalfeldmarschalls von Waldersee gestellt wurde. Von Wilhelmshaven aus schickte Wilhelm II. seine Truppen mit rassistischen Parolen und der Aufforderung in den Kampf, es den metzelnden Hunnen des Nibelungenliedes nachzutun: »Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!«. In »Strafexpeditionen« wüteten Waldersees Truppen, die in China ankamen, als der Krieg bereits entschieden war. In einem Heimatbrief eines deutschen Soldaten hieß es: »Denn so ein Gemorde und Geschlachte ist geradezu toll (…) Laßt mich schließen in der Hoffnung, daß es nicht mehr solange dauert, denn sonst weiß man schließlich nicht mehr, oder vielmehr man vergisst es, ob man einmal Mensch war.« (4)

 

Ein erster Schritt

Auf einer 2011 vom Bezirk Steglitz-Zehlendorf errichteten Stele in der Lansstraße wird eindeutig formuliert: »Im Umgang mit der chinesischen Bevölkerung verbanden sich weltpolitische, wirtschaftliche und militärische Interessen des Deutschen Reiches mit zivilisatorischen und rassistischen Überlegenheitsgefühlen sowie christlichem Sendungsbewusstsein.« (5) Deshalb fordern migrantisch-diasporische und entwicklungspolitische Organisationen sowie die ansässige Freie Universität und Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung seit Jahrzehnten die Umbenennung der Straßen. Bis heute hält die politische Mehrheit im Bezirk Steglitz-Zehlendorf an der Ehrung von Lans und Iltis fest.


1. Der Hamburger Walter Heise dichtete: »O, Deutscher, schreib ins Herz dir tief | Dass einst in banger Kriegesqual | An anderer Völker Spitze rief | Dich Groß-Britanniens Admiral!«, in: Süssenrotts illustrierter Kolonial-Kalender 1912.
2. www.moers.de/de/vereine/marinekameradschaft-admiral-von-lans-moers-1907 (aufgerufen am 4.5.2016).
3. Zitiert nach: Leutner, Mechthild: Takustraße, Iltisstraße, Lansstraße: Bausteine einer kolonialen Erinnerungskultur – und ihre ›Dekolonisierung‹,unter www.berlin-postkolonial.de/cms/index.php/component/content/article?id=36:taku-lansund-iltisstrasse (abgerufen am 4.5.2016); siehe außerdem: Leutner, Mechthild / Mühlhahn, Klaus (Hrsg.): Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900 – 1901, Berlin 2007.
4. Zitiert nach: Leutner, Mechthild: Yihetuan – Für Gerechtigkeit und Frieden. Boxeraufstand und Kolonialkrieg in China; in: Fülberth, Georg / Dietz, Gabriele (Hrsg.): Fin de siècle. Hundert Jahre Jahrhundertwende, Berlin 1988, S. 146 – 149; siehe auch: Wünsche, Dietlind: Feldpostbriefe aus China, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster deutscher Soldaten zur Zeit des Boxeraufstandes 1900/1901, Berlin 2008.
5. Zitiert nach: www.gedenktafeln-in-berlin.de/nc/gedenktafeln/gedenktafel-anzeige/tid/lans-taku-und-ilt/ (abgerufen am 4.5.2016), Autor des Tafeltextes ist der Sinologe Hauke Neddermann.

Text "Hintergrund": Christian Kopp, Foto: Tahir Della