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Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER)

Woermannkehre

Warum umbenennen? Als Reichstagsabgeordneter trieb Adolph Woermann maßgeblich den deutschen Kolonialismus voran. Die ihm gehörend Woermann-Linie und andere Gesellschaften, an denn er beteiligt war, profitierten massiv vom Handel mit den Kolonien. Um über die gesamte Handelskette zu verfügen, beauftragte Woermann eine Söldnertruppe, die gegen die vom Zwischenhandel lebenden Gemeinschaften in Kamerun vorging. Er verdiente am Transport deutscher Kolonialsoldaten nach Südwestafrika. Während des Genozids setzte er Herero und Nama als Zwangsarbeiter*innen ein.

Die Woermannkehre in Neukölln

… liegt im Ortsteil Britz und ist eine 130 Meter lange Sackgasse mit einer Wendemöglichkeit für größere Fahrzeuge. Sie führt zwei Hausnummern, ist Sitz von mehreren Unternehmen und liegt in einem Industriegebiet in der Nähe der U-Bahnstation Grenzallee.



Benennungsjahr der Straße: 1975



Welche Stadt hat bereits umbenannt?

Magdeburg (vor 1990): Umbenennung in Tangerhütter Straße, später Tangerhütter Weg



Wie umbenennen?

Die Initiator*innen dieses Dossiers fordern, bei der Umbenennung der Woermannkehre den Bezug zur Kolonialgeschichte beizubehalten, aber die Perspektive der Erinnerung umzukehren. Das heißt, dass Personen des Widerstandes gegen die Kolonialmächte und gegen rassistische und koloniale Strukturen geehrt werden sollten.

Zu möglichen Alternativnamen

 
Zur Person

Adolph Woermann (geboren am 10.12.1847 in Hamburg, verstorben am 4.5.1911 auf dem Grönwohld-Hof bei Trittau)

Adolph Woermann entstammte der Familie eines Hamburger Großkaufmanns und Seereeders. Nach einer Ausbildung in westafrikanischen Niederlassungen des Hauses Woermann wurde er 1880 zum Erben des väterlichen Handelsunternehmens. Woermann verdiente sein Geld vor allem durch den Export billiger Spirituosen sowie von Waffen, Schießpulver und Salz. Eingeführt wurden vor allem Kautschuk, Kakao, Palmöl, Palmkerne und Elfenbein.

Collage der NS-Kolonialpropaganda mit Eduard, Adolph und Carl Woermann aus dem »Neuen Volksbuch der deutschen Kolonien« von Paul Kuntze (1942)

 

Größter Privatreeder der Welt

1882 begann der damals einflussreichste deutsche Westafrika-Händler zudem mit dem Aufbau der Woermann-Linie, die das Deutsche Reich mit Westafrika verband. Innerhalb weniger Jahre wurde der »königliche Kaufmann« (Bismarck) zum größten Privatreeder der Welt – beteiligt an der Deutschen Ostafrika-Linie, der Norddeutschen Bank, der Commerzbank, der Blohm&Voss AG, der Deutsch-Südwestafrikanischen Kolonialgesellschaft und an mehreren Großplantagen in Kamerun.

Koloniallobbyist

Wesentlich für Woermanns ökonomischen Aufstieg war sein Engagement für die staatlich-militärische Durchsetzung privater Handels- und Geschäftsinteressen in Afrika. Als Koloniallobbyist war er als nationalliberaler Reichstagsabgeordneter 1883/84 maßgeblich daran beteiligt, Bismarck zu einer aktiven Kolonial- und Flottenpolitik zu bewegen. So forderte die von Woermann initiierte Denkschrift der Hamburger Handelskammer im Juli 1883 explizit »die Erwerbung einer Flottenstation und eines Küstenstrichs zur Gründung einer Handelskolonie « im heutigen Kamerun, wo sich seit 1868 eine seiner Handelsniederlassungen befand. Woermann war Teilnehmer der Berliner Afrika-Konferenz 1884 /85, bei der über die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Kolonialmächten verhandelt wurde. Er stand zeitweise der Deutschen Kolonialgesellschaft vor und wurde 1890 in den Kolonialrat des Auswärtigen Amtes berufen.



Kolonialisierung Kameruns

Als die deutsche Regierung mit dem Aufbau einer militärischen »Schutztruppe« zur Kolonisierung Kameruns zögerte, rüstete der Hamburger 1889/90 eine eigene Söldner-Expedition aus. Im Gegenzug sicherte die Regierung Woermann ein Handelsmonopol über große Inlandsgebiete zu. Unter ihrem Kommandeur Curt von Morgen gingen die Söldner mit Gewalt gegen die vom Zwischenhandel lebenden Gemeinschaften vor, um über die gesamte Handelskette verfügen zu können. Woermann war Haupteigner der Kamerun-Land-und-Plantagengesellschaft am Kamerunberg, hinter der hanseatische Kaufmänner standen. Nach den Kriegszügen der Kolonialtruppe 1894 /95 vergrößerten sie ihren Besitz zu Großplantagen: Die einheimischen Bakweri wurden enteignet und in »Reservate« vertrieben. Kriegsgefangene Männer, Frauen und Kinder mussten Zwangsarbeit leisten, viele starben an Auszehrung und Ruhr. (1)

 

Völkermord in Namibia

Auch in der ehemaligen Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« (heutiges Namibia) profitierte Woermann direkt von deren Ausbeutung. Die von ihm mitgetragene Otavi-Minen- und Eisenbahngesellschaft baute eine Bahnstrecke von Tsumeb nach Swakopmund, um Kupfererz abzubauen. Sie sollte mitten durch das Land der Herero führen, und so forderten die Betreiber von der Regierung, die Menschen »zu unterjochen«. Als sich die Herero von 1904 bis 1908 gegen ihre Vertreibung zur Wehr setzten, verdiente die Woermann-Linie Millionen am Transport deutscher Kolonialsoldaten nach Südwestafrika, auch weil sie überhöhte Frachtgelder in Rechnung gestellt hatte. Schließlich profitierte die Firma davon, dass sie Kinder, Frauen und Männer aus Konzentrationslagern für Zwangsarbeiten im Hafen von Swakopmund einsetzte. (2)

 

Ehrungen bis in die Gegenwart

Alles in allem dürfte vom deutschen Kolonialismus in Afrika wohl kaum jemand mehr profitiert haben als der Hamburger Kolonialkaufmann Adolph Woermann, der schon bei der Entstehung des Kolonialismus eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Bei der Benennung der kleinen Neuköllner Stichstraße im Bereich des Hafens Britz-Ost zu Ehren des »Hamburger Reeders und Begründers der Woermann-Linie/Afrikalinie« 1975 wurden diese Aspekte seiner Biografie weitgehend ausgeklammert. In Kauperts »Straßenführer durch Berlin« heißt es zu Woermann bis heute nur: »Reeder, Großkaufmann, Kolonialpolitiker«. (3)

 

1. Siehe dazu: Rudin, Harry Rudolph, Germans in the Cameroons, New Haven 1938, S. 82ff; Möhle, Heiko: Mit Branntwein und Gewehr – Wie das Afrikahaus C. Woermann Kamerun eroberte, in: Möhle, Heiko (Hrsg.): Branntwein, Bibeln und Bananen, Berlin 1999, S. 40ff; von Morgen, Curt: Durch Kamerun von Süd nach Nord. Reisen und Forschungen im Hinterlande 1889 bis 1891. Leipzig 1893; Gründer, Horst (Hrsg.): »...da und dort ein junges Deutschland gründen«. Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, München 2006, S. 88f.; Kum’a Ndumbe III., Alexandre: Das Deutsche Kaiserreich in Kamerun: wie Deutschland in Kamerun seine Kolonialmacht aufbauen konnte 1840 – 1910, Berlin 2007.
2. Möhle, Heiko: »Pardon wird nicht gegeben« – Aufständische Afrikaner und hanseatische Kriegsgewinnler, in: Möhle, Heiko (Hrsg.): Branntwein, Bibeln und Bananen, Berlin 1999, S. 63ff.
3. Siehe: Bezirksamt Neukölln von Berlin, Abteilung Bauwesen Tiefbauamt Straßenbenennungen in Britz

Text: Christian Kopp, Foto: Tahir Della