Alles fürs Klima? Wir stehn stehn, stehn – auf der Autobahn

von Anne Neumann, Eine Welt-Promotorin für Klima- und Ressourcengerechtigkeit beim INKOTA-netzwerk e.V. aus dem BER-Newsletter 8 / September 2025
Die Eröffnung des neuen Teilabschnittes der Autobahn 100 führt – wie zu erwarten – zu noch mehr Verkehr auf den Berliner Straßen. Die selbst gesteckten Klimaziele werden damit kaum erreicht. Das Berliner Klimaschutz- und Energiewendegesetz (EWG Bln) legt fest: Bis spätestens 2045 will Berlin klimaneutral werden. Bis 2040 sollen die CO2-Emissionen um mindestens 90 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 1990 sinken. Die im BER organisierten Nichtregierungsorganisationen fordern eine Verpflichtung Berlins zur Klimaneutralität bis 2030 und eine Verkehrs- und Rohstoffwende. Denn der Verkehrssektor hat dabei einen großen Anteil. Bei den CO2-Emissionen, die der Senat erhebt, lag der Verkehrssektor mit 5.107kt CO2 im Jahr 2023 auf Platz zwei der Verursacherbilanz in Berlin – knapp hinter dem Gebäudesektor mit 6.929kt.
Kritiker*innen wird immer wieder entgegengehalten, dass sich die Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors durch die Umstellung auf Elektromobilität in Zukunft reduzieren würden. Doch das ist zu kurz gedacht: Ein Elektroauto fährt nicht nur, sondern muss auch produziert und entsorgt werden. Zu seiner Produktions-, Nutzungs- und Entsorgungsphase gehören nicht nur Treibhausgase, sondern auch Umweltverschmutzung und Biodiversitätszerstörung – und gravierende Menschenrechtsverletzungen. Damit befeuert der unzureichende Rückgang des Berliner motorisierten Individualverkehrs – egal ob E-Auto oder nicht – gleichzeitig die planetare Dreifachkrise und die damit verbundene Menschenrechtskrise.
Mit der E-Mobilität ist ein massiver Anstieg des Rohstoffbedarfs in der Automobilindustrie verbunden. Ein durchschnittlicher Verbrenner benötigt bereits knapp 850 kg Eisen/Stahl und 215 kg Bauxit/Aluminium für Karosserie, Fahrwerk und Antrieb sowie 46 kg Bunt- und Sondermetalle für Elektronik, Katalysator und Korrosionsschutz. Für ein E-Auto kommen weitere Metalle für die Batterie hinzu: Pro E-Pkw sind durchschnittlich 6 kg Lithium, 29 kg Nickel, 8 kg Kobalt und 20 kg Kupfer erforderlich. Weitere wichtige Batteriemetalle sind Mangan, Grafit und Aluminium.
Beispiele für gravierende Menschenrechtsverletzungen im Metallbergbau im Globalen Süden haben wir alle vielfach gelesen. Die deutsche Zivilgesellschaft warnt seit vielen Jahren vor den negativen Effekten des Rohstoffverbrauchs durch die deutsche Autoindustrie. Brot für die Welt und MISEREOR (2012 und 2013) zeigten dies anhand von Aluminium, Kupfer und Stahl in deutschen Autos; Amnesty International (2016) am Beispiel von Kinderarbeit im Kobalt-Sektor; PowerShift (2016 bis 2019) verwies auf die generellen Gefahren des Rohstoffabbaus sowie auf die spezifischen Risiken beim Nickel- und Bauxitabbau (Aluminium); Brot für die Welt auf die Auswirkungen des Lithium-Abbaus (2018) und INKOTA zeigte mit dem Ökumenischen Netzwerk Zentralafrika (2018) auf, welche Problematiken der Kobaltabbau in der DR Kongo birgt.
Die Automobilindustrie hat darauf bisher keine Antworten gefunden. Das Lieferkettengesetz, das die Automobilkonzernen verpflichtet, an diesen Antworten zu arbeiten, wird gerade ausgehöhlt.
Fakt: Durchschnittlich wog ein neuzugelassenes Auto im Jahr 2022 knapp 1,7 Tonnen. Allein in Berlin stehen somit etwa zwei Millionen Tonnen Metall auf Straßen und in Garagen.
Die für die E-Mobilität nötige Rohstoffgewinnung, meist ausgelagert in Länder des Globalen Südens und die europäische Peripherie, sowie deren Verarbeitung haben fatale Folgen für Umwelt und Menschenrechte. Gleiches gilt für die Entsorgung von Gebrauchtwagen. Für globale Gerechtigkeit brauchen wir eine echte Verkehrswende als Teil der Rohstoffwende. Die A100 ist das Gegenteil davon. Die 720 Millionen Euro Kosten wären gut investiert gewesen in den öffentlichen Nahverkehr, die Rad- und Fußwege.
Weiterlesen
https://webshop.inkota.de/infoblatt-elektromobilitaet-automobilindustrie-im-wandel
https://www.germanwatch.org/de/91898
https://power-shift.de/wp-content/uploads/2024/03/PowerShift_Rohstoffwende-Energiewende-Berlin.pdf
Aktiv werden
Ausstellung „Umsteigen bitte“ ausleihen und für die echte Verkehrswende als Teil der Rohstoffwende werben à https://www.inkota.de/mitmachen/ausstellung-ausleihen/ausstellung-umsteigen-bitte
Die Ressourcen von Changing Cities e.V. nutzen, um Euch gegen steigendem Verkehr in der Nachbarschaft zu wehren – z.B. eine Superblock-Initiative in Eurem Kiez starten: https://changing-cities.org/kampagnen/superblocks/mitmachen/
Gegen die Aushöhlung des Lieferkettengesetzes kämpfen: https://www.inkota.de/keine-gewinne-ohne-gewissen
Bei Protesten gegen die A100 (https://www.a100stoppen.de/aktuelle-termine-und-aktionen-gegen-die-verlaengerung-der-stadtautobahn-a100/) zeigen, dass das auch ein Kampf für Menschenrechte und gegen Ausbeutung im globalen Bergbau ist.
Anne Neumann ist Eine Welt-Promotorin für Klima- und Ressourcengerechtigkeit beim INKOTA-netzwerk e.V.