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Beitrag von Maria José Pacheco über Quilombola-Gemeinschaften als Orte afrobrasilianischen Widerstands

Aus dem BER-Newsletter 7 / Juli 2025

Beim Glokalen Sommertag des BER am 3. Juli 2025 teilten Akteur*innen aus Bahia und Rojava ihre Perspektiven auf lokale Demokratie und Gerechtigkeitskämpfe. Maria José Pacheco (Regionalsekretärin des Pastoralrats der Fischer von Bahia und Sergipe und Mitglied der kollektiven Organisation der Schwarzen Frauen von Mahin) stellte die Quilombola-Gemeinschaften als Orte afrobrasilianischen Widerstands, kollektiver Selbstverwaltung und Identitätsbewahrung vor. Sie berichtet von den Kämpfen für Gender-, Umwelt- und soziale Gerechtigkeit – und von der zentralen Rolle Schwarzer Frauen als Wurzeln des gesellschaftlichen Widerstands.

Die Lösung liegt nicht in Kriegen, Rassismus oder Diskriminierung. Die Antwort ist die Internationalisierung, die Globalisierung der Hoffnung.

Ich berichte von meinen Erfahrungen mit den Quilombola-Gemeinschaften in Brasilien, mit denen ich eng zusammenarbeite. Ich bin selbst eine Schwarze Frau, Teil der Bewegung Schwarzer Frauen, die für Demokratie, Gleichberechtigung und menschenwürdige Lebensbedingungen kämpft. Zudem setze ich mich für Umwelt- und Menschenrechte ein.

Wer sind die Quilombola?

Quilombola-Gemeinschaften bestehen aus Nachfahren versklavter Afrikaner*innen, die sich während der Kolonialzeit aus der Versklavung befreien konnten. Sie gründeten autonome Siedlungen in abgelegenen Gebieten – die sogenannten Quilombos.

Quilombolas sind Menschen, die in diesen Gemeinschaften leben, ihre Kultur, ihre Territorien und ihre Rechte bewahren und verteidigen. Sie verstehen sich als ethnische Gemeinschaften, meist Schwarz und ländlich, teils auch städtisch, mit enger Bindung an Land, Verwandtschaft, Vorfahren, eigene kulturelle Traditionen und spirituelle Praktiken.

Historischer Hintergrund

Brasilien war das Land mit den meisten versklavten Afrikaner*innen in ganz Amerika – über 4,8 Millionen Menschen wurden bis 1850 verschleppt. Die Zuckerindustrie trieb die Nachfrage nach Arbeitskräften massiv an. Vor allem der Bundesstaat Bahia wurde zu einem zentralen Zielort dieses Menschenhandels.

Sklavenhändler profitierten stark vom System, häuften Reichtum an und hatten politischen Einfluss. Die Lebensbedingungen der Versklavten waren katastrophal: Sie wurden wie Tiere behandelt, bis zur völligen Erschöpfung zur Arbeit gezwungen. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug nur etwa 24 Jahre. Reproduktion oder der frühe Tod wurden wirtschaftlich einkalkuliert – es war profitabler, neue Menschen zu verschleppen, als für bereits versklavte Menschen zu sorgen.

Ein prägendes Merkmal der Versklavung in Brasilien waren die grausamen Strafen und Foltermethoden, die bis heute in Filmen und Serien dargestellt werden.

Widerstand: Die Quilombos

Eine der bedeutendsten Formen des Widerstands gegen die Versklavung war die Flucht. Durch Flucht konnten versklavte Menschen sich selbst befreien und ein selbstbestimmtes Leben führen.

Die Schwarze Autorin Beatriz do Nascimento beschreibt den Begriff Quilombo seit dem späten 19. Jahrhundert als ideologisches Symbol gegen Unterdrückung. Die Spiritualität und Symbolkraft des Quilombo nährten den Traum von Freiheit – damals wie heute.

Der bekannteste Quilombo war Palmares in der heutigen Region Alagoas. Es war fast ein Jahrhundert lang ein Symbol des Widerstands und bot über 30.000 Menschen Schutz. Palmares war gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich hoch organisiert, mit mehreren miteinander verbundenen Siedlungen (mucambos). Führende Persönlichkeiten wie Ganga Zumba und Zumbi dos Palmares wurden zu Symbolfiguren des Freiheitskampfs. Zumbi, dessen Todestag der 20. November ist, wird bis heute als Tag des Schwarzen Bewusstseins in Brasilien gefeiert.

Die Zerstörung von Palmares im Jahr 1695 markierte das Ende einer der größten autonomen Schwarzen Gemeinschaften in der Kolonialzeit – doch das Vermächtnis lebt weiter.

Quilombola in der Gegenwart

Die Sklaverei in Brasilien wurde erst 1888 abgeschafft. Viele Quilombos entstanden aus Flucht, aber auch durch Schenkungen, Erbschaften oder Landzuteilungen. Entscheidend waren immer der Widerstand und das Streben nach Autonomie – der Wandel vom versklavten Menschen zum freien Bauern.

Heute sind Quilombolas Menschen, die in Nachfahrengemeinschaften leben, sich über gemeinsame Wurzeln, kulturelle Praktiken und ihre Beziehung zum Land definieren. Sie werden als eigenständige ethnisch-kulturelle Gruppen mit spezifischen Rechten anerkannt.

Kultur und Identität

Die Kultur der Quilombolas umfasst Musik und Tanz mit afrikanischen Wurzeln, etwa Landu und Desfeiteria, Kulinarik, Religion als Mischung aus Katholizismus und afrobrasilianischen Religionen wie Candomblé, ergänzt durch Heilrituale, Handwerk, Landwirtschaft und mehr. Diese Traditionen und Wissensbestände werden mündlich weitergegeben – von den Älteren an die Jüngeren.

Territorium, Selbstverwaltung & kollektive Organisation

Das Territorium ist zentraler Bestandteil der quilombolischen Identität. Der Kampf um Landrechte ist nach wie vor eine der größten Herausforderungen. Viele Gemeinschaften organisieren sich in lokalen Vereinen, mit kollektiven Führungsmodellen – teils präsidial, teils gemeinschaftlich.

Land wird in kollektiven Räten aufgeteilt – nach historischer Bindung, familiärem Bedarf und landwirtschaftlicher Kapazität. Auch die Produktion (z. B. Landwirtschaft, Handwerk) und Vermarktung erfolgt oft gemeinschaftlich. Interne Konflikte werden durch Gemeinschaftsräte – z. B. der Ältesten – geregelt.

Ein zentrales Motto vieler Quilombos lautet: „Wir sind unsere Wurzeln“. Bem Viver – das gute Leben – steht im Zentrum: ein Leben in Harmonie mit der Natur, geprägt von Ahnenkult, Erinnerung, Fürsorge, Autonomie, Spiritualität, Geschlechtergerechtigkeit, guter Regierungsführung, Ernährungssouveränität, Bildung und territorialem Schutz.

Die Rolle der Frauen

Frauen spielen eine tragende Rolle in den aktuellen Quilombola-Bewegungen. Wie Angela Davis sagt: „Wenn sich eine Schwarze Frau bewegt, bewegt sich die ganze Gesellschaft.“

Schwarze Frauen in Brasilien stehen am unteren Ende der sozialen Pyramide – als Ärmste der Armen. Doch sie sind es, die sich erheben, kämpfen und die Gemeinschaft mitreißen.

In vielen Fällen bleiben die Frauen mit ihren Kindern im Territorium zurück, während die Männer migrieren. Sie stehen an der Spitze des Widerstands gegen große Infrastrukturprojekte, für politische Beteiligung und Gerechtigkeit.

Ein Beispiel ist Eliette Paraguaçu, eine Quilombola, Muschelsammlerin und Fischerin aus Bahia – sie wurde kürzlich als erste Quilombola-Frau in den Stadtrat von Salvador gewählt, einem Gremium, das traditionell von reichen weißen Männern dominiert wird.

Klimakrise und Umweltgerechtigkeit

Die Klimakrise trifft nicht alle gleich. Es sind immer die ärmsten, am wenigsten umweltschädlich lebenden Gemeinschaften – wie die Quilombolas – die am stärksten unter Extremereignissen leiden. Besonders betroffen sind die Frauen. Klimagerechtigkeit ist ohne die Anerkennung von Umweltrassismus nicht möglich – also der gezielten Missachtung Schwarzer und indigener Gemeinschaften bei Umweltfragen. Die Umweltbelastung ist nicht gleichmäßig verteilt – Schwarze und indigene Bevölkerungsgruppen werden bewusst aus Entscheidungsprozessen ausgeschlossen und stärker belastet. Die „Entwicklung“, wie sie aktuell gedacht wird, ignoriert ihre Lebensrealität und strebt nach Aneignung ihrer Ressourcen: Wasser, Mangroven, Wind, Sonne.

Es werden Mangroven zerstört – die größten Kohlenstoffspeicher – um Platz für die Garnelenindustrie (Carcinicultura) zu schaffen. Es gibt Monokulturen von Eukalyptus, die wir „grüne Wüste“ nennen, weil sie das Wasser aufsaugen, die Tiere töten und das Land der Gemeinschaften besetzen. Auch der Erdölexport führt immer wieder zu Ölkatastrophen. Es fehlt an Abwassersystemen. Die petrochemische Industrie und die Hafenbetriebe verschmutzen das Wasser und kontaminieren die angrenzenden Gemeinden. Dieses Wirtschaftsmodell ist eines der Zerstörung, der Vergiftung der Menschen und der Schaffung von Ernährungsunsicherheit. Aber die Gemeinschaften leisten fortwährend Widerstand und kämpfen. Die Präsenz von Quilombolas schützt die Umwelt – durch ihre respektvolle, wechselseitige Beziehung zur Natur. Wo traditionelle Gemeinschaften leben, ist die Natur besser erhalten. Daher sind die Anerkennung und der Schutz der Quilombola-Territorien notwendige Schritte – auch im Kampf gegen die Klimakrise. Die Energiewende darf nicht auf Kosten dieser Gemeinschaften erfolgen – eine gerechte Transformation muss ihre Rechte respektieren.

Zum Schluss möchte ich betonen, dass internationale Vernetzung enorm wichtig ist – um Erfahrungen auszutauschen, solidarisch zu handeln, Menschenrechte zu verteidigen, zerstörerische Unternehmen zu bekämpfen, die Natur zu schützen und das Leben zu bewahren. Es geht darum, gemeinsame Vorschläge zu entwickeln, zum Beispiel für die kommende UN-Klimakonferenz, die COP in Brasilien, damit wir und die zukünftigen Generationen auf dieser Welt weiterleben können.