BER-Interview mit Bundesentwicklungsministerin Alabali Radovan
aus dem BER-Newsletter 7 / Juli 2026
Wir können das Land nicht denjenigen überlassen, die es gedanklich einmauern wollen
Der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (BER) begrüßte Mitte Juni Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan im Berlin Global Village. Bei ihrem Besuch informierte sie sich über ausgewählte Projekte der entwicklungspolitischen Inlandsarbeit und diskutierte mit Aktiven aus der Eine Welt-Arbeit über aktuelle Herausforderungen und Perspektiven. Anschließend sprachen wir mit ihr über die Zukunft der entwicklungspolitischen Inlandsarbeit, die Rolle der Zivilgesellschaft und die anstehenden Landtagswahlen – insbesondere in ihrem Heimatbundesland Mecklenburg-Vorpommern. (BER)
BER: Frau Alabali Radovan: Was machen Sie am 21. September?
Alabali Radovan: Wie auch in den Tagen zuvor, werde ich auf jeden Fall in Mecklenburg-Vorpommern, wahrscheinlich in Schwerin, unterwegs sein und da unterstützen, wo ich kann.
Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die politische Entwicklung in Ihrem Heimatbundesland Mecklenburg-Vorpommern?
Es sind entscheidende Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in Berlin und Sachsen-Anhalt. Denn es steht eine Richtungsentscheidung an: Wollen wir weiterhin in einem demokratischen und friedlichen Land leben oder gewinnen Kräfte an Einfluss, die unser demokratisches Zusammenleben infrage stellen? Von daher blicke ich vor allem kämpferisch auf die Wahlen und möchte dabei unterstützen, dass mein Heimatbundesland Mecklenburg-Vorpommern weiterhin weltoffen bleibt und eine gute Zukunft hat.
Welche Bedeutung hat die Entwicklungspolitik in einem ostdeutschen Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern heute?
Die großen Krisen und Herausforderungen unserer Zeit machen nicht an unseren Grenzen halt, auch nicht an Grenzen von Bundesländern, sondern betreffen uns alle. Wir müssen weiterhin dafür werben, den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zu richten, und klar machen, dass die globalen Entwicklungen zum Beispiel in den Bereichen Klimawandel und weltweiter Gesundheitsversorgung und Pandemieprävention Auswirkungen auf uns haben, auch in Mecklenburg-Vorpommern.
Wenn Sie an Ihre Heimat denken, etwa an Schwerin: Was würden Sie einer Eine Welt-Promotorin sagen, die meint: „Mit globalen Themen brauche ich hier gerade niemandem zu kommen – ich bin schon froh, wenn die Stimmung nicht weiter gegen Migrant*innen kippt“?
Ich kann ihre Sorgen verstehen. Mir hilft der Leitspruch, global denken und lokal handeln. Also anhand von Themen vor Ort die globalen Zusammenhänge zu zeigen, das funktioniert. Ich weiß, dass es immer schwieriger ist, überhaupt zu diesen Themen ins Gespräch zu kommen, weil viele Menschen frustriert sind und sich im Alltag mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert sehen. Umso wichtiger ist es, globale Zusammenhänge verständlich und lebensnah zu vermitteln. Es ist wichtig, dranzubleiben, und es gibt tatsächlich sehr viele Menschen, die dafür auch aufgeschlossen sind.

Die entwicklungspolitische Inlandsarbeit macht nur einen vergleichsweise kleinen Teil des BMZ-Haushalts aus, ihre Wirkung reicht jedoch weit in die Gesellschaft hinein. Welche Bedeutung hat die Inlandsarbeit für das BMZ – insbesondere in Zeiten knapper werdender öffentlicher Mittel und wachsender gesellschaftlicher Polarisierung?
Für mich hat die entwicklungspolitische Inlandsarbeit große Bedeutung, insbesondere im Bereich der Bildung. Und es geht auch darum, in der Gesellschaft dafür zu werben, warum Entwicklungszusammenarbeit für uns in Deutschland so wichtig ist. Deshalb möchte ich trotz der knappen Haushaltsmittel darauf achten, dass wir diesen Bereich stabil halten.
Und welche Rolle spielt die entwicklungspolitische Zivilgesellschaft für Demokratie, Weltoffenheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Die entwicklungspolitischen NGOs leisten einen wichtigen Beitrag zur Demokratiearbeit. Denn sie erweitern den Blick und zeigen, welche globalen Zusammenhänge es gibt. Ihre Arbeit macht deutlich, dass wir in Deutschland in Zeiten der Globalisierung auch auf internationale Zusammenarbeit angewiesen sind. Wir können das Land nicht denjenigen überlassen, die es gedanklich einmauern wollen. Aus dem Bereich der Entwicklungspolitik ist dabei der Ausbau internationaler Partnerschaften besonders wichtig.
Ein bekanntes Beispiel in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit ist das Eine Welt-Promotor*innen-Programm. Welche Perspektive sehen Sie für das Programm in den kommenden Jahren?
Für mich ist das Promotor*innenprogramm wirklich eine Erfolgsgeschichte, da sie mittlerweile in allen 16 Bundesländern unterwegs sind und wichtige Bildungsarbeit machen. Deshalb möchte ich auch gegen Widerstände das Programm flächendeckend erhalten und stärken.
Sie sitzen heute mit Steffen Krach, dem Spitzenkandidaten der Berliner SPD für die Abgeordnetenhauswahlen im September, zusammen. Also mit einem Landespolitiker, der möglicherweise ab Ende 2026 Regierungsverantwortung in Berlin übernimmt. Welche Erwartungen haben Sie an die Länder in den nächsten Jahren?
Ich möchte die Zusammenarbeit des BMZ mit den Bundesländern stärken. Deshalb bin ich mit den zuständigen Minister*innen und Ministerien der Bundesländer zusammengekommen. Es freut mich, dass wir gemeinsam mit den Ländern an einer Vertiefung der Zusammenarbeit arbeiten.
Fotos: Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER)