BER-Interview mit Karola Kunkel, Friedenskreis Halle
aus dem BER-Newsletter 7 / Juli 2026
Demokratie unter Druck – Erfahrungen vom Friedenskreis Halle aus Sachsen-Anhalt
Hohe Zustimmungswerte für rechtsextreme Positionen, knapper werdende Fördermittel und zunehmender Druck auf entwicklungspolitische Vereine: Wie verändert sich die Arbeit entwicklungspolitischer Organisationen in Sachsen-Anhalt? Der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag hat mit Karola Kunkel gesprochen. Sie ist Vorstandsmitglied des Friedenskreises Halle und leitet dort das Projekt „Perspektive Global & Zivil“. Der Verein verbindet Friedensbildung, Demokratiebildung und Globales Lernen und ist Mitglied im Bündnis „Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“
BER: Die politische Stimmung in Sachsen-Anhalt beschäftigt derzeit viele Organisationen. Im September wird gewählt. Die Umfragen deuten darauf hin, dass bald eine Partei, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall beobachtet wird, die absolute Mehrheit erhält. Sie will das Grundrecht auf Asyl abschaffen, das Programm „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ beenden, und das „deutschdenken“ fördern. Alles Maßnahmen, die entwicklungspolitischen Werten und dem Globalen Lernen entgegenstehen. Wie wirkt sich die Zustimmung zu solchen Positionen auf eure entwicklungspolitische Arbeit aus?
Karola Kunkel: Was uns im Moment am stärksten prägt, ist die Unsicherheit. Niemand weiß wirklich, wie sich die politische Situation nach den kommenden Wahlen entwickeln wird. Wir kämpfen weiterhin für unsere Werte, und gleichzeitig müssen wir uns auf Szenarien vorbereiten, von denen wir hoffen, dass sie gar nicht eintreten – einen radikalen Politikwechsel. Das kostet unglaublich viel Kraft.
Diese Verunsicherung betrifft längst nicht nur uns zivilgesellschaftliche Organisationen. Wir erleben sie genauso bei Lehrkräften, in Schulen oder auch in der kommunalen Verwaltung. Viele Menschen fragen sich: Was bedeutet das für meine Arbeit? Welche Risiken gehe ich ein? Wie positioniere ich mich? Diese Atmosphäre verändert das gesellschaftliche Klima – und damit auch unsere Bildungsarbeit.
Woran merkt Ihr diese Veränderungen in Eurer Bildungsarbeit – insbesondere an Schulen – am deutlichsten?
Zum Beispiel an den Anfragen, die wir erhalten. Wir haben ja Angebote auf verschiedenen Ebenen. Das Interesse an globalen Themen und klassischen Angeboten des Globalen Lernens ist etwas zurückgegangen. Dafür geht es heute viel stärker um den Umgang mit extremen Positionen und um innenpolitische Themen. Lehrkräfte fragen uns: Wie gehe ich mit extremistischen oder rassistischen Aussagen im Unterricht um? Wie halte ich polarisierte Diskussionen aus? Wie reagiere ich, wenn Eltern sich bei der Schulleitung beschweren, dass ich das Neutralitätsgebot nicht einhalten würde?
Was antwortet Ihr darauf?
Mit Haltung! In unseren Angeboten geht es oft erst einmal darum, die eigene Haltung festzustellen: Welche Haltung habe ich? Und wie kann ich die stärken? Wie kann ich sie halten? Wie kann ich andere in ihrer Haltung stärken? „Neutralität“ ist ja so eine Art Mythos. Es geht nicht darum, keine Meinung haben zu dürfen, sondern verantwortungsvoll mit der eigenen Rolle umzugehen und demokratische Werte zu vertreten.
Ihr sprecht bewusst von Friedensbildung. Viele denken dabei zuerst an internationale Konflikte. Warum beginnt Frieden für Euch schon im Klassenzimmer?
Weil die Mechanismen strukturell ähnlich sind. Wir sprechen viel über Konflikte, über Gewaltfreiheit und Macht. Unser Ansatz ist: Ein Konflikt ist nichts Schlechtes. Er bedeutet zunächst nur, dass unterschiedliche Akteure unterschiedliche Interessen haben. Das gilt zwischen zwei Jugendlichen genauso wie zwischen Staaten. Die entscheidenden Fragen lauten: Wie gehen wir mit diesem Interessenunterschied um? Nehmen wir die Interessen der anderen überhaupt wahr? Wie legitim sind die Interessen? Wie werden Machtverhältnisse genutzt? Welche Lösungen können wir gemeinsam entwickeln, ohne Gewalt anzuwenden?
Deshalb gehören für uns Anti-Mobbing-Arbeit oder demokratische Streitkultur auch zur Friedensbildung. Wer lernt, Konflikte im Alltag möglichst gewaltfrei zu bearbeiten, entwickelt Fähigkeiten, die auch für das Verständnis gesellschaftlicher und internationaler Konflikte wichtig sind.
Wie gelingt es denn aus Konflikten im Klassenzimmer auf internationale Themen zu kommen?
Dafür braucht es Zeit für längere Formate wie Projektwochen oder längere Zusammenarbeit mit Schulen. Bei internationalen Themen ist unser Ansatz, die Perspektive der Zivilgesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen. Wir machen sichtbar, wie Menschen von Konflikten betroffen sind, wie sie zum Beispiel unter Kriegsbedingungen in der Ukraine leben, welche Herausforderungen sie bewältigen. Aber auch, wie sich Initiativen vor Ort für Dialog einsetzen wie zum Beispiel in Israel und Palästina. Das eröffnet einen anderen Blick auf Friedenspolitik: Nicht nur Regierungen handeln, sondern auch zivilgesellschaftliche Akteur*innen weltweit. Die gegenseitige Unterstützung und Solidarität, das Lernen voneinander, innerhalb der globalen Zivilgesellschaft verstehen wir als einen wichtigen Beitrag zu Frieden und globaler Verantwortung.
Engagement und Bündnisse sind auch für Euch sehr wichtig. Ihr seid Teil des Bündnisses „Sachsen-Anhalt.Weltoffen!“, dort engagieren sich mehr als 120 Initiativen. Welche Rolle spielt das Netzwerk für Euch?
Es soll vor allem sichtbar machen, wie vielfältig das demokratische Engagement in Sachsen-Anhalt ist. Außerdem wirkt es als gegenseitige Stärkung. Viele Initiativen arbeiten mit sehr begrenzten Ressourcen und oft recht isoliert. Das Bündnis schafft Austausch, bündelt Aktivitäten und hebt die Gemeinsamkeiten, auch durch Öffentlichkeitsarbeit hervor. Veranstaltungen werden geteilt und gegenseitig unterstützt. Es geht weniger darum, kurzfristig ein bestimmtes politisches Ergebnis zu erzielen, sondern darum, die demokratische Zivilgesellschaft im Land zu stärken.
Was braucht die demokratische Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt jetzt am dringendsten? Was wünscht Ihr Euch von Politik und Verwaltung?
Vor allem Verlässlichkeit. Im Moment erleben wir politische Unsicherheit und Unsicherheit bei der Finanzierung. Förderprogramme werden beendet oder reduziert, Bewilligungen verzögern sich und gleichzeitig steigen die ohnehin sehr bürokratischen Anforderungen an Antragstellung und Mittelverwaltung. Das Misstrauen und die Angst vor vermeintlichen Fehlern steigt. Das Risiko wird immer weiter von den öffentlichen Institutionen auf die kleinen Organisationen verschoben. Für diese bedeutet das eine zusätzliche Verschärfung ihrer ohnehin prekären Arbeitsbedingungen.
Ich wünsche mir deshalb ein klares Bekenntnis der Politik zu einer starken demokratischen Zivilgesellschaft. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich engagieren, Missstände benennen und unterschiedliche Perspektiven einbringen. Dafür brauchen sie Vertrauen, Planungssicherheit und eine Verwaltung, die nicht selbst von Unsicherheit geprägt ist. Gerade jetzt wäre das ein wichtiges Signal.
Viele Initiativen aus dem ganzen Bundesgebiet versuchen die Gruppen in den ostdeutschen Bundesländern zu unterstützen. Was wünscht Ihr euch von der Zivilgesellschaft außerhalb von Sachsen-Anhalt?
Also erst mal ist diese Solidarität wirklich toll und bestärkend. Allerdings müssen in diesem Aktivismus auch die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen beachtet werden. Sachsen-Anhalt ist strukturell viel schwächer aufgestellt als Bundesländer wie Berlin und Nordrhein-Westfalen. Es gibt kaum große Städte, dauerhaft viel weniger personelle und wirtschaftliche Ressourcen und einfach eine generell schwächere Infrastruktur, eben auch in der Zivilgesellschaft. Von außen bekommen wir oft gut gemeinte Empfehlungen: Wir sollen uns stärker vernetzen, strategischer arbeiten oder professioneller aufstellen. Das ist im Prinzip korrekt. Aber viele Organisationen arbeiten schon lange an der Belastungsgrenze, die Menschen arbeiten sehr prekär. Wenn der Alltag davon geprägt ist, immer darum zu kämpfen, den Betrieb kurzfristig aufrechtzuerhalten, bleibt leider kaum Zeit für Strategieprozesse.
Wir brauchen schlicht mehr Ressourcen und Verständnis dafür, dass Strukturaufbau dauert. Gerade entwicklungspolitische Akteur*innen kennen dieses Prinzip eigentlich sehr gut: Zivilgesellschaft entsteht nicht durch Vorgaben von außen, sondern indem lokale Akteur*innen selbst die Veränderung gestalten. Genau das wünschen wir uns auch für die Zivilgesellschaft in Ostdeutschland.
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