Berlin ist keine Insel
aus dem BER-Newsletter 8 / September 2026

Was haben Schulessen, Solardächer und öffentliche Beschaffung mit globaler Gerechtigkeit zu tun? Die BER-Geschäftsführer*innen Sylvia Werther und Alexander Schudy sprechen über die Abgeordnetenhauswahl, politische Verantwortung und den Kulturkampf um Entwicklungspolitik.
BER: Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus geht es um Mieten, Schulen, Verkehr, Sicherheit. Warum sollte globale Gerechtigkeit dabei eine Rolle spielen?
Sylvia Werther: Weil diese Themen längst mit globalen Fragen verbunden sind. Nehmen wir das Schulessen. Berlin entscheidet mit darüber, was in Schulen und Kitas auf den Tisch kommt: regional, bio, fair gehandelt oder möglichst billig. Hinter einer Banane oder einem Stück Fleisch stehen Lieferketten, Arbeitsbedingungen und der Verbrauch von Ressourcen. Wenn etwa für die Fleischproduktion Wälder in Amazonien gerodet werden, hat das Folgen für Menschen vor Ort und für das Klima. Der Amazonas speichert enorme Mengen CO2. Was dort passiert, hat mit unserem Leben hier zu tun.
Alexander Schudy: Dasselbe gilt für die Energiewende. Natürlich wollen wir Solardächer in Berlin. Aber woher kommen die Rohstoffe und die Module? Unter welchen Bedingungen werden sie produziert? Klimaschutz in Berlin darf nicht auf Kosten von Menschenrechten und Umwelt anderswo gehen.
Und uns geht es gerade nicht darum, den einzelnen Berliner*innen zu sagen: Kauft moralischer ein. Das Land selbst ist ein großer Einkäufer. Die politische Frage lautet: Nach welchen Regeln gibt Berlin seine öffentlichen Gelder für zum Beispiel Uniformen, Baustoffe oder Lebensmittel in seinen Kantinen aus? Pro Jahr sind das fünf Milliarden Euro. Der Hebel ist hier viel größer, als die Verantwortung einzelnen Berliner*innen zuzuschieben. Denn fairer Konsum darf nicht davon abhängen, wie viel jemand verdient. Faires Wirtschaften muss sozial verträglich sein.
Die Frage ist nicht Berlin oder globale Gerechtigkeit
BER: Manch einer würde trotzdem sagen: Berlin hat selbst genug Probleme. Warum Geld und politische Aufmerksamkeit für globale Themen einsetzen?
Alexander Schudy: Diese Gegenüberstellung ist falsch. Wenn jemand sagt: Kümmert euch erst um Berlin und dann um globale Gerechtigkeit, tut er so, als seien das zwei verschiedene Dinge. Aber wer billig einkauft, externalisiert Kosten. Wer beim Klimaschutz Lieferketten ignoriert, verlagert Umweltzerstörung. Und wer Migration nur als Sicherheitsproblem behandelt, blendet globale Zusammenhänge aus.
Berlin ist keine Insel. Die Stadt bezieht Ressourcen aus aller Welt, Berliner Unternehmen sind international tätig, Menschen hier haben Verbindungen in sehr viele Länder. Berlin unterhält Partnerschaften etwa mit Windhoek und Mexiko-Stadt. Die Frage ist nicht Berlin oder globale Gerechtigkeit. Die Frage ist: Welche Folgen haben Berliner Entscheidungen, hier und anderswo?
Sylvia Werther: Das sieht man auch beim Wohnen. Menschen mit wenig Geld leben häufiger dort, wo Lärm, Hitze und Umweltbelastungen besonders hoch sind. Das betrifft überproportional auch migrantische Menschen. Wohnen, Umweltgerechtigkeit und globale soziale Rechte dürfen nicht unabhängig voneinander bearbeitet werden.
Und wir können von Erfahrungen aus dem Globalen Süden lernen. Dort kämpfen zivilgesellschaftliche Organisationen seit Jahrzehnten gegen die Kommerzialisierung öffentlicher Daseinsvorsorge, für das Recht auf Wohnen und dafür, ihre Städte selbst gestalten zu können. Viele unserer Mitgliedsgruppen arbeiten mit solchen Organisationen zusammen. Globale Gerechtigkeit heißt nicht: Wir in Berlin erklären anderen, wie es geht. Es geht um gemeinsame Probleme, unterschiedliche Erfahrungen und darum, Ideen für Lösungen zu erarbeiten.
BER: Wo kann Berlin tatsächlich etwas verändern?
Sylvia Werther: Bei der öffentlichen Beschaffung, bei Bildung, in der Klima- und Ressourcenpolitik, bei Migration und Teilhabe, bei der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte oder mit internationalen Partnerschaften. Globales Lernen gehört zum Beispiel zum Berliner Rahmenlehrplan. Gleichzeitig erleben wir, dass Lehrkräfte verunsichert sind, weil Eltern oder Politiker*innen politische Neutralität verlangen. Aber Menschenfeindlichkeit widerspruchslos stehen zu lassen, ist keine Neutralität. Globales Lernen als Teil der politischen Bildung ist dafür da, demokratische und menschenrechtliche Grundwerte zu vermitteln.
Alexander Schudy: Auch die Digitalisierung gehört dazu. Die Frage, ob die Berliner Verwaltung Open-Source-Software nutzt und wie abhängig sie von großen Technologiekonzernen ist, klingt zunächst nicht nach Entwicklungspolitik. Aber Rechenzentren verbrauchen unglaublich viel Strom und Wasser, sie verschärfen die Klimakrise. Dann gibt es eine massive Ausbeutung der Data-Worker, so entstand in Kenia der erste Gewerkschaft der KI-Arbeiter*innen.
Natürlich hat Landespolitik Grenzen. Landesaufnahmeprogramme für Geflüchtete kann Berlin zum Beispiel wollen, braucht aber die Zustimmung des Bundesinnenministeriums. Aus begrenzten Zuständigkeiten zu schließen, Berlin könne nichts tun, wäre trotzdem falsch.
Globale Gerechtigkeit gut zu finden, kostet erst einmal nichts
BER: Ihr habt die Parteien vor der Abgeordnetenhauswahl mit Wahlprüfsteinen befragt. Was bringen solche Fragen außer einer Menge Wahlkampfversprechen?
Alexander Schudy: Zunächst Transparenz. Die wenigsten Menschen lesen komplette Wahlprogramme, und vieles darin bleibt allgemein. Wir wollen wissen: Erkennen die Parteien globale Gerechtigkeit überhaupt als Aufgabe des Landes an? Was wollen sie konkret tun? Welche Strukturen wollen sie stärken? Und stellen sie dafür Geld bereit?
Bei Linken, Grünen und SPD sehen wir zunächst etwas Positives: Alle drei erkennen Landesentwicklungspolitik grundsätzlich als Berliner Aufgabe an. Die SPD bezeichnet sie ausdrücklich als „kein Randthema“, die Grünen wollen sie als festen Bestandteil verantwortungsvoller Berliner Politik verankern, die Linke verbindet sie mit Menschenrechten, internationaler Solidarität und Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
BER: Das klingt erst einmal nach ziemlich viel Konsens.
Sylvia Werther: Ja. Aber globale Gerechtigkeit gut zu finden, kostet erst einmal nichts. Die Mittel zur Förderung entwicklungspolitischer Projekte wurden vor zwei Jahren gekürzt, obwohl Anträge mit einem Fördervolumen von mehr als dem Dreifachen der verfügbaren Mittel vorliegen. Projekte mussten beendet, Personal musste entlassen werden. Dem Land Berlin gehen damit auch Drittmittel verloren, die in den Projekten von anderen Fördermittelgebern hier ausgegeben werden. Wir fordern deshalb, den Fonds für entwicklungspolitische Projekte wieder auf mindestens zwei Millionen Euro zu erhöhen. Das ist keine luxuriöse Ausweitung. Der Bedarf für diese Projekte ist in Berlin schlicht so hoch. Aber: Keine der drei Parteien sagt das verbindlich zu.
BER: Kann man aus euren Wahlprüfsteinen also ablesen, welche Partei man wählen sollte?
Alexander Schudy: Nein. Wir geben keine Wahlempfehlung. Wir machen politische Positionen vergleichbar. Und Wahlprüfsteine haben Grenzen: Das sind Aussagen vor einer Wahl. Entscheidend ist, was anschließend in einem Koalitionsvertrag steht und vor allem, was im Haushalt und im Verwaltungshandeln ankommt. Politik zeigt sich nicht in guten Formulierungen. Sie zeigt sich in Geld, Personal, verbindlichen Strukturen und darin, wer an Entscheidungen beteiligt wird.
Entwicklungspolitik wird grundsätzlich infrage gestellt
BER: Ihr sagt, Entwicklungspolitik sei inzwischen Teil eines Kulturkampfes. Was meint ihr damit?
Sylvia Werther: Nicht nur das: Das Politikfeld ist mittlerweile Teil von Desinformationskampagnen. Insbesondere Entwicklungszusammenarbeit wird als Geldverschwendung dargestellt, Projekte werden mit falschen Behauptungen angegriffen. Auch entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen werden plötzlich zum Gegenstand von Verschwörungserzählungen und als angeblich geheime Elite dargestellt, die Regierungsentscheidungen manipuliert. Solche Behauptungen treffen auf ein verbreitetes Unwissen über Entwicklungspolitik. Diejenigen, die globale Solidarität nicht wichtig finden, stellen dann Entwicklungspolitik grundsätzlich Infrage, nicht nur auf Bundesebene, sondern auch in Berlin. Gleichzeitig hält sich ein völlig überholtes Bild von Entwicklungspolitik: weiße Retter aus Europa, die armen Menschen in Afrika helfen. Alles, was davon abweicht, wird diffamiert.
Alexander Schudy: Das geht bis hin zu Anfeindungen gegen externe Referent*innen, die im Klassenzimmer arbeiten. Das bereitet vielen Menschen in unserem Netzwerk extreme Sorgen. Insbesondere, wenn es wenig öffentlichen Rückhalt von Regierungen oder Politiker*innen gibt. Es geht bei Entwicklungspolitik nicht darum, irgendwo weit weg ‚Gutes zu tun‘. Es geht um politische Entscheidungen hier in Berlin für mehr globale Gerechtigkeit in der Stadt und weltweit.
Wir wollen eigene Narrative setzen
BER: Mit „Weltstadt mit Haltung“ geht ihr nun selbst in die Öffentlichkeit. Was wollt ihr damit erreichen?
Sylvia Werther: Wir wollen nicht ständig nur auf Angriffe reagieren, sondern eigene Narrative setzen. Eine Weltstadt mit Haltung bedeutet für uns: Solidarität statt Gleichgültigkeit, Kooperation statt Konkurrenz, Perspektiven statt Grenzen, Aufarbeitung statt Ignoranz, Menschlichkeit statt Härte. Gerade in Zeiten der Polarisierung wollen wir zeigen, dass wir eine Weltstadt mit Haltung sind, die für ein solidarisches Zusammenleben einsteht.
Alexander Schudy: Wir möchten auch konkrete stadtpolitische Debatten aufnehmen und die globalen Bezüge herstellen: Nehmen wir Müll. Häufig dreht es sich um die Frage: Trennst du deinen Müll richtig? Oft werden rassistische Stereotype damit verbunden. Aber global gedacht: Warum werden überhaupt so viele Produkte so hergestellt, dass Reparieren teurer ist als Neukaufen? Wie kann Politik das regulieren, welche Anreize gibt es für die Wirtschaft? In Berlin gibt es viele Zero-Waste- und Reparaturinitiativen, die das im Kleinen vormachen. Oder Städtepartnerschaften: Warum sollten sie sich auf Delegationsreisen, Wimpeltauschen und Empfänge beschränken? Sie können Orte sein, an denen Verwaltungen und Zivilgesellschaft gemeinsam an Klimaanpassung, Bildung oder urbaner Entwicklung arbeiten.
BER: Wann wäre die Kampagne für euch erfolgreich?
Sylvia Werther: Natürlich wollen wir, dass unsere Forderungen einer breiteren Zielgruppe sichtbar werden und nach der Wahl aufgegriffen werden. Dabei ist die Kampagne ein Baustein. Aber wir möchten sie auch für uns als Netzwerk nutzen. Uns gemeinsam verbinden und stärken.
Alexander Schudy: Mit der Kampagne wollen wir neue Bündnisse in der Stadt schaffen: zwischen entwicklungspolitischen, migrantisch-diasporischen, dekolonialen, klima- und sozialpolitischen Initiativen und allen, die an einer solidarischen Stadt arbeiten. Das Bild von Entwicklungspolitik, in dem Berlin die Welt rettet, wollen wir hinter uns lassen. Es geht darum, dass Berlin für alle Menschen lebenswert wird und dabei nicht auf Kosten des Globalen Südens lebt.