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Fußball-EM 2024 – Fluch oder Segen für die Stadtgesellschaft?

Interview mit Rico Noack von Gesellschaftsspiele zur Bedeutung der EM für die Stadt und ihre Vereinsarbeit

Berlin ist eine von zehn Städten, in denen die Fußball-Europameisterschaft im Sommer 2024 stattfindet. Für die Akzeptanz solcher Großevents muss mittlerweile mit Begriffen wie Standortattraktivität, Investitionen, Mehrwert, Lebenszyklus, Nutzen, Stadtrendite geworben werden, da das Image des kommerzialisierten Fußballs schlecht ist. Längst hat die Stadt eigens ein Leitbild für Nachhaltigkeit zur Fußball-EM 2024 entwickelt.
Mit diesen Fragen und Entwicklungen beschäftigt sich das BER-Mitglied Gesellschaftsspiele e.V.. https://eineweltstadt.berlin/mitglieder/gesellschaftsspiele-ev/ Der Verein macht Bildungsarbeit und nutzt Potentiale von Fußball und Fankultur, um Antidiskriminierung, Teilhabe sowie globale Gerechtigkeit in der Stadt voranzutreiben. Rico Noack von Gesellschaftsspiele schätzt die Bedeutung der EM für die Stadt und ihre Vereinsarbeit ein.

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Was kann man nun von der EM 2024 erwarten?

Wir haben ein ambivalentes Verhältnis zu Großevents wie der Europameisterschaft der Männer 2024 und beobachten sehr genau, was sie bringen wird. Der Weltfußballverband FIFA und das europäische Pendant UEFA haben sich bisher nicht durch Attribute wie Fairness, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Teilhabe ausgezeichnet. Die Kritik an den großen Verbänden, die wir teilen, reißt nicht ab. Das BER-Mitglied Romero Initiative hat in der Broschüre: Sportindustrie – Moral im Abseits die menschenrechtlichen Auswirkungen der Profitorientierung in der Sportindustrie eindrücklich dargestellt.
Die Klubs der Deutschen Fußball Liga (DFL) haben im Dezember 2023 beschlossen, dass externe Investoren bei der DFL einsteigen dürfen. Jetzt werden sechs bis neun Prozent der Anteile einer DFL-Tochtergesellschaft, in der die kompletten Medienrechte ausgelagert sind, für zwanzig Jahre verkauft. Das geschah natürlich gegen den Willen aller Fußballfans! Mit diesem Schritt ist die Kommerzialisierung des Fußballgeschäfts noch abgedrehter und “spielt” in Zukunft noch mehr Investoren Gewinne in die Hände.

Ist Euer Blickwinkel auf die EM 2024 vergleichbar kritisch?

Foto:© SenInnDS

Vom Grundsatz ja, aber aus der Erfahrung heraus muss ich differenzieren, denn es gibt durchaus positive Impulse. Diese sind jeweils abhängig vom politischem Setting und dem Willen verschiedener Entscheidungsträger*innen an den jeweiligen Austragungsorten, also in Berlin, Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Köln, Leipzig, München, Stuttgart. Wir machen mit dem EM-Expert-Gremium des Berliner Senats gute Erfahrungen. Und die Stadt hat als Co-Veranstalter bereits zwei Jahre vorher ein Leitbild zur Nachhaltigkeit zur UEFA EURO 2024 veröffentlicht, das Maßnahmen in den Bereichen Ökologie, Soziales, Ökonomie und Governance einschließt.Wir sind gespannt, welchen sozialen und gesellschaftspolitischen Mehrwert die EM bringen wird, der sich über das Finale hinaus positiv auf unsere Stadt auswirkt.

Berlin kündigt im Nachhaltigkeits-Leitbild an, dass über den Fußball hinaus der Berliner Breitensport von der EURO 2024 profitieren soll. Wie schätzt Du das ein?

Es gibt Signale, die nicht nur symbolischer Natur sind und in die richtige Richtung gehen. Beim Berliner Fußballverband können im Vorfeld der EM sehr niedrigschwellig Projektmittel beantragt werden. Als bildungspolitischer Akteur der Stadtgesellschaft haben wir das gemacht. Die Projekte werden bis zu 75 %, manchmal zu 100 % mit max. 50.000 Euro gefördert. Finanziert werden umwelt- und klimagerechte Projekte, Projekte zur Förderung der Teilhabe, der Sportentwicklung, der Bildung für Nachhaltigkeit und Menschenrechte sowie für die Stärkung von Sozialstandards.
Insgesamt stellt der Berliner Senat eine Million Euro zur Verfügung und die aktuelle Förderrunde [A1] läuft noch. Aus zivilgesellschaftlicher Perspektive hätte diese Summe natürlich höher ausfallen können. Doch hat aus meiner Sicht die EM 2024 für die Berliner NGO-Landschaft bereits positive Impulse gesetzt: Beispielsweise konnte das Berliner Netzwerk Fußball und Gesellschaft  gestärkt werden. Der Zusammenschluss von zwölf verschiedenen NGOs hat jetzt eine engagierte Hauptamtliche. Das Bündnis setzt sich für eine chancengleiche Gesellschaft ein, in der das soziale Potential von Fußball voll ausgeschöpft und anerkannt ist.

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Doch natürlich stellen wir uns auch Fragen, wie die langfristige Wirkung wirklich sein wird, und vor allen Dingen, was dann während der EM alles stattfinden wird: Wird der Coca-Cola-Truck durch das Brandenburger Tor fahren? Welche Kröten müssen geschluckt bzw. verdaut werden? Es wird sicherlich eine Kehrseite geben. Das ist die Ambivalenz, die in unserer Arbeit existiert und die wir ständig diskutieren.

Welche Diskussionen wurden denn in der Berliner Zivilgesellschaft geführt – gibt eine “No-EM-Fraktion” und wie läuft der Diskurs in Hinblick auf die Olympischen Spiele 2036?

Es existiert keine nennenswerte „No-EM 2024“-Bewegung so wie es auch 2006 wenig Aktivitäten gegen die Weltmeisterschaft in Deutschland gegeben hat, wenn man vom Protest antinationaler Akteure und Teile der Linken absieht. Aus meiner Sicht hat das mit den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen im progressiven Milieu zu tun und mit einer weitgreifendenden Kritiklosigkeit gegenüber den Bedingungen, in denen des „Deutschen liebstes Hobby“ stattfindet. Dagegen wurde bei der Kampagne „Boycott Qatar 2022“ im vorletzten Jahr sehr kritisch nach Katar geschaut und das Mobilisierungspotential hierzulande war viel größer.
Olympia 2036 ist für mich ein anderes Thema. Allein die Jahreszahl wirkt so, als ob die Satirezeitschrift „Titanic“ hier ihre Finger im Spiel gehabt hätte. Nach meiner Erfahrung genießt das Projekt aus mehreren Gründen keine gesellschaftliche Akzeptanz: die Symbolik der Jahreszahl, zahlreiche Nachhaltigkeitsaspekte und die leeren Haushaltskassen.

Hat Gesellschaftsspiele Projekte oder Aktivitäten in Hinblick auf die EM 2024 in Berlin geplant?

Für uns begannen die Vorbereitungen im Herbst 2022[A2]  mit ersten Konzepten und Anträgen. Im Sommer 2023 sind wir mit zwei Projekte gestartet, um auf verschiedene gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren. In Hinblick auf die Geschlechterfrage veranstalteten wir im Projekt „Frauen im Fußball – Chancen und Herausforderungen“ ein Tagesseminar im Fanprojekt der Sportjugend.

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Dafür arbeiteten wir mit der internationalen Organisation Girlpower zusammen, die Mädchen für den Fußballsport empowered und sich für gleiche Bedingungen einsetzt. Im Rahmen des zweitens Projektes „EM für Alle“ ermöglichen wir, dass Geflüchtete zur EM ins Stadium gehen können und gesellschaftspolitische Seminare sowie sonstige Fußballspiele gemeinsam besuchen. Das Konzept geht auf, und das Projekt ist erfolgreich, da wir es mit interessierten Jugendlichen und engagierten Mitarbeitenden im Geflüchtetenwohnheim Marienfelde zu tun haben. Für diesen Sommer planen wir mit dem Fanprojekt der Sportjugend weitere Veranstaltungen parallel zur EM 2024. Über die Aktivitäten werden wir auf Instagram  und Facebook informieren.

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