BerlinZusammen – Eine Plattform für Mitsprache und Solidarität als gelebte Praxis
Interview mit Anab und Kessy von BerlinZusammen
aus dem BER-Newsletter 5 / Mai 2026
Eine global gerechte Stadt stellt die Menschen in den Mittelpunkt, nicht nur in der Politik, sondern auch als handelnde Akteur*innen – egal, wo sie geboren oder aufgewachsen sind. Zu dieser Stadt gehört auch Nachhaltigkeit, Inklusion und Gemeinwohlorientierung. Im BER-Interview erzählt die Plattform BerlinZusammen, wie sie dies mit direkter Beteiligung von allen in Berlin lebenden Menschen ermöglichen möchte.
BER: BerlinZusammen ist als Kampagne in Berlin gestartet. Mit der Idee dockt Ihr an munizipalistische Bewegungen an, die als soziale Bewegung in Städten eine Demokratisierung und die sozial-ökologische Transformation vorantreibt. Es gibt viele erfolgreiche Beispiele in anderen europäischen Großstädten, zum Beispiel in Barcelona. Warum braucht es das auch in Berlin?
Anab und Kessy: BerlinZusammen ist aus einer einfachen Erfahrung heraus entstanden: Viele Menschen in Berlin engagieren sich seit Jahren für eine gerechtere, nachhaltigere und demokratischere Stadt und trotzdem bewegt sich politisch oft zu wenig. In manchen Bereichen erleben wir sogar Rückschritte. Gleichzeitig sehen wir aber auch: Es gibt in dieser Stadt viele Menschen, die ähnliche Vorstellungen von einer besseren Politik haben. Diese Mehrheit spiegelt sich nur bisher nicht ausreichend in den politischen Entscheidungen wider.
Genau da setzen wir an. Wir wollen diese Lücke schließen und die Kraft der Stadtgesellschaft stärker in die Politik bringen. Dabei knüpfen wir an Bewegungen an, die zeigen, dass echte Veränderung oft von unten kommt – aus den Nachbarschaften, aus den Kiezen.
Das Besondere an uns ist: Wir sind keine Partei und treten auch nicht selbst zur Wahl an. Wir sind eine offene Plattform, bei der alle mitmachen können. Uns geht es darum, dass Beteiligung nicht nur ein Schlagwort bleibt. Wir wollen Strukturen schaffen, in denen Menschen wirklich mitreden, mitentscheiden und Politik aktiv mitgestalten können und dies nicht nur alle paar Jahre bei einer Wahl, sondern dauerhaft. Wir setzen uns für eine politische Kultur ein, in der Mitsprache und Solidarität keine leeren Versprechungen sind, sondern gelebte Praxis.
BER: Wenn diese Praxis Wirklichkeit wird, wie sieht dann ein besseres Berlin aus?
Anab und Kessy: Unser Ziel ist ein Berlin, in dem alle Menschen gut leben können – unabhängig davon, wie viel sie verdienen oder woher sie kommen. Eine Stadt, die solidarisch ist, in den Entscheidungen transparent getroffen werden und in der Menschen wirklich mitreden können.
Unsere zentralen Anliegen für Berlin sind klar: Wir wollen eine Stadt, in der bezahlbares Wohnen kein Glücksfall ist, in der der ÖPNV für alle zugänglich ist und in der demokratische Teilhabe kein Privileg, sondern selbstverständlich ist. Wir kämpfen gegen die soziale Spaltung, die immer mehr Menschen in Berlin spüren und für ein Stadtklima, das uns allen eine Zukunft gibt. Es geht uns um Gerechtigkeit – im Kleinen wie im Großen.
Das bedeutet zum Beispiel: Mietwucher muss konsequent bekämpft werden und große Wohnungskonzerne dürfen nicht weiter auf Kosten der Mieter*innen Gewinne machen. Der öffentliche Nahverkehr soll für alle bezahlbar sein – das 9€ Ticket muss wieder her! Bildung soll gerechter werden, etwa durch nur Gemeinschaftsschulen als Schulform. Und alle Menschen, die in Berlin leben, sollen auch die Möglichkeit haben, hier offiziell dazuzugehören und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, mit der Anmeldung für Alle.
Diese Forderungen stehen für eine grundsätzliche Idee: Politik soll sich daran orientieren, was gut für die Menschen ist. Nicht daran, was sich am meisten aus einer kapitalistischen Verwertungslogik lohnt.
BER: Ihr habt ja anfangs schon gesagt, dass viele dieser Forderungen schon lange von Organisationen an den Berliner Senat gerichtet werden. Welchen Unterschied macht Ihr? Wie handelt Ihr ganz konkret?
Unsere Arbeit passiert vor allem vor Ort. Wir bauen in ganz Berlin lokale Gruppen auf, in denen sich Menschen in ihrem Bezirk organisieren können. Dort planen sie Aktionen, sprechen mit Nachbar*innen und bringen Themen direkt in die Kieze.
Wir setzen uns nicht nur für Forderungen ein, sondern handeln auch. Wir planen Podiumsdiskussionen, Workshops und künstlerische Aktionen, die unsere Ideen sichtbar machen. Unsere Aktivitäten finden in ganz Berlin statt, mit einem besonderen Fokus auf die Kieze, denn dort wird Politik greifbar. Lokale Schwerpunkte sind für uns wichtig, weil wir überzeugt sind, dass Veränderung vor der Haustür beginnt. Ob in Moabit, Neukölln oder Marzahn – wir sind dort, wo die Menschen sind.
Ein wichtiger Teil sind Gespräche an der Haustür und Treffen, bei denen Menschen einfach dazukommen und mitdiskutieren können. Uns ist wichtig, Politik wieder nahbar zu machen und möglichst viele Menschen einzubeziehen, insbesondere diejenigen, die sich bisher wenig beteiligt haben.
Parallel dazu vertreten wir unsere zentralen Forderungen gegenüber Parteien und Kandidierenden. Dafür haben wir eine sogenannte Stadtvereinbarung entwickelt. Wer von uns im Wahlkampf Unterstützung möchte, verpflichtet sich darin öffentlich, diese Forderungen umzusetzen und auch nach der Wahl in verbindlichen Formaten mit der Stadtgesellschaft an der Umsetzung zuarbeiten.
Wir konzentrieren unsere Arbeit besonders auf Bezirke und Wahlkreise, in denen es politisch knapp ist und Engagement wirklich etwas verändern kann. Gleichzeitig machen wir viel Öffentlichkeitsarbeit, um unsere Themen sichtbar zu machen und Druck aufzubauen. Und ganz wichtig: Unsere Arbeit endet nicht mit der Wahl. Wir bleiben dran, begleiten politische Entscheidungen und fordern ein, was versprochen wurde.
Wir wollen die Strukturen, die wir jetzt aufbauen, langfristig erhalten und stärken. Das heißt: lokale Gruppen weiterentwickeln, Menschen vernetzen und Beteiligung dauerhaft ermöglichen.
Langfristig geht es uns darum, eine andere politische Kultur zu stärken. Eine, in der Menschen nicht nur alle paar Jahre wählen, sondern kontinuierlich mitgestalten können. BerlinZusammen soll dazu beitragen, dass Politik in dieser Stadt dauerhaft offener, demokratischer und näher an den Menschen wird.
BER: Viele Gruppen in Berlin setzen sich für globale Gerechtigkeit ein und weisen immer wieder darauf hin, dass lokale Probleme wie Obdachlosigkeit oder steigende Mieten eng mit globalen Entwicklungen verknüpft sind. Wie sind Eure Verbindungen zu globalen Themen?
Anab und Kessy: Auch wenn wir in Berlin arbeiten, stehen wir für eine Solidarität, die keine Grenzen kennt – weder in der Stadt noch darüber hinaus. Wir sehen es genauso: Viele unserer Themen hängen eng mit globalen Fragen zusammen. Wohnen, Klimaschutz, Mobilität oder Migration – das sind keine rein lokalen Themen, sondern Teil größerer Zusammenhänge.
Wie eine Stadt wie Berlin mit diesen Fragen umgeht, hat Auswirkungen über die Stadt hinaus. Gleichzeitig zeigen sich globale Ungleichheiten ganz konkret vor Ort, zum Beispiel darin, wer sich Wohnen leisten kann oder wer Zugang zu Teilhabe hat.
Unser Ansatz ist deshalb: Globale Gerechtigkeit muss auch lokal umgesetzt werden. Genau das versuchen wir, indem wir politische Entscheidungen in Berlin beeinflussen und Veränderungen vor Ort vorantreiben.
Organisationen, die zu globaler Gerechtigkeit arbeiten, können uns unterstützen, weil wir ihre Themen in die Breite tragen. Wir möchten Menschen erreichen, die sonst vielleicht keinen Zugang dazu haben und bringen diese Themen in konkrete politische Prozesse. Gleichzeitig bauen wir Druck auf, damit Parteien sich klar positionieren und Veränderungen auch wirklich umgesetzt werden. So wird aus abstrakten Forderungen konkrete Politik an der wirklich alle mitwirken können.
Mit BerlinZusammen und weiteren Initiativen für mehr Demokratie austauschen beim Glokalen Sommertag des BER am 4. Juni 2026 ab 15 Uhr, Anmeldung hier: Kiez. Macht. Demokratie. Strategien für eine global gerechte Demokratie – Glokaler Sommertag des BER
Bis dahin mehr erfahren unter berlinzusammen.de