Nicht auf den COP gefallen – Die Weltklimakonferenz als Ort des Widerstands

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Vom 10. bis 21. November 2025 findet die COP30 in Belém, Brasilien statt. Über die Bedeutung der 30. UN-Weltklimakonferenz sprachen wir mit Jan Dunkhorst von der BER-Mitgliedsgruppe FDCL – Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile und Lateinamerika e.V. Im Interview erklärt er, warum die COP30 in Brasilien auch für Berlin wichtig ist. Es geht um globale Klimagerechtigkeit, lokale Verantwortung und zivilgesellschaftlich erarbeitete Alternativen – und weshalb Belém trotz aller Krisen ein Ort der Hoffnung und des Widerstands bleibt.
aus dem BER-Newsletter 10 / November 2025
BER: Die Auseinandersetzung mit der Klimakrise in Deutschland ist leiser geworden: An den Demonstrationen von Fridays for Future nehmen nur noch wenige teil, die Umweltkrise erhält kaum Aufmerksamkeit im öffentlichen Diskurs, die Politik kürzt die Mittel zur Bekämpfung der Folgen. Genau jetzt, so schreibt Ihr im FDCL-Briefing, „wird Belém zu einem Ort der Hoffnung.“ Wie kommt Ihr darauf?
Jan Dunkhorst: Klimagerechtigkeit ist zuletzt wegen der multiplen Krisen in den Hintergrund gerückt. Hinzu kommen klimapolitische Blockaden der Trump-Regierung und die Wirkung rechter „klimaskeptischer“ Narrative. Bei der offiziellen Klimakonferenz, der COP30, ist also Frust vorprogrammiert. Wenn es überhaupt eine Abschlusserklärung geben wird, werden keine substanziellen Fortschritte zur Bekämpfung der globalen Umweltkrise enthalten sein.
Warum kann Belém dennoch ein Ort der Hoffnung sein? Weil in Belém auch Allianzen mit anderen Perspektiven gestärkt werden! Zum Beispiel zwischen den Vertragsstaaten des Globalen Südens. Sie werden auf die Einlösung der Zusagen zur internationalen Klimafinanzierung der UN-Klimakonferenz 2024 in Baku pochen und mehr Klimagerechtigkeit einfordern. Außerdem gibt es eine zivilgesellschaftliche Allianz. Sie fordert den Bruch mit fossilen Interessen und einen Paradigmenwechsel für eine global gerechte sozial-ökologische Transformation. Dadurch wird die Stimme der am stärksten von der Klimakrise Betroffenen in den Fokus der globalen Aufmerksamkeit rücken.
Die Klimakonferenz ist ein Stelldichein für Regierungschefs aus aller Welt, für Umweltexpert*innen, aber auch für Mitarbeiter*innen von NGOs. Was macht diese Konferenz so wichtig?
Zuallererst handelt es sich ja um eine weitere Vertragsstaaten-Konferenz der 1992 beschlossenen UN-Klima-Konvention. Damit ist sie die Basis für internationale Klimaschutzpolitik und wichtig für alle. Auch die COP30 ist ein Baustein im Marathon der Klimakonferenzen. Hier treffen unterschiedliche Akteur*innen mit sehr unterschiedlichen Perspektiven und Interessen aufeinander. Das Streitthema der internationalen Klimafinanzierung hatte ich schon erwähnt. Ein weiteres ist der internationale Emissionshandel. Verursacher von CO2-Emissionen können CO2-Reduktionen kaufen, also an einem anderen Ort kompensieren, statt sie zu reduzieren. Indigene Völker und traditionelle Gemeinschaften in Amazonien wehren sich gegen diese Kompensationsprojekte, die als Grüner Kolonialismus betrachtet werden, weil er ihre Lebensweise, Rechte und Territorien gefährdet.
Zu den mächtigsten Akteuren mit Einfluss auf Weltklimakonferenzen gehört die fossile Wirtschaft. Die brasilianische und internationale Agrarindustrie oder der multinationale Konzern Bayer sind auf der COP30 präsent, um ihren Geschäften einen grünen Anstrich zu geben und Einfluss auf die Klimaagenda zu nehmen. Ein sehr vielfältiges Akteursgefüge also…
Nach drei Jahren Klimakonferenzen unter autoritären Regimen kann die Zivilgesellschaft endlich wieder einen eigenen Gipfel abhalten. Der „Gipfel der Völker“ bringt soziale Bewegungen und indigene Gemeinschaften aus aller Welt zusammen. Was erwartet das FDCL von dem Treffen?
Ja, das ist von fundamentaler Bedeutung! Die brasilianische Regierung will eine „inklusive COP“, die die Belange der Amazonasregion und ihrer Bevölkerungen ins Zentrum stellt – ob das gelingt, bleibt fraglich. Aber die Zivilgesellschaft, insbesondere in Brasilien und Lateinamerika, mobilisiert sich. Endlich wird es wieder Demonstrationen, Proteste und Debatten geben. Die COP in Belém ist eine Chance, den Akteur*innen Sichtbarkeit zu geben, die im offiziellen Prozess marginalisiert sind: den indigenen Völkern und traditionellen Gemeinschaften. Daher ist der Ort der COP30 tatsächlich wichtig. Als Widerstand gegenüber der Agenda und den Vorschlägen der Staaten werden zivilgesellschaftliche Organisationen, Indigene und soziale Bewegungen ihre eigenen Forderungen artikulieren. Dafür gibt es eigene Partizipationsräume, wie das Parallelforum Cúpula dos Povos (Gipfel der Völker). Wir hoffen, dass die alternativen Vorstellungen, Konzepte und Lösungen stärker in den Fokus rücken.
Der Schutz des Amazonas spielt für das Weltklima eine besondere Bedeutung. Nachdem der Klimaleugner Bolsonaro abgewählt wurde, regiert in Brasilien jetzt wieder Lula da Silva. Sind das gute Nachrichten für den Amazonas und deren indigenen Gemeinden?
Brasiliens neue Regierung hatte versprochen, den Amazonasregenwald zu schützen und die elementaren Rückschritte der indigenenfeindlichen Vorgängerregierung rückgängig zu machen. Die Einrichtung eines Ministeriums für indigene Fragen und die Ernennung der indigenen Aktivistin Sonia Guajajara zur Ministerin signalisierte einen klaren Schwenk in der Politik für die indigenen Völker. Und tatsächlich ist die Entwaldung im Amazonasgebiet zurückgegangen und die zuvor gestoppte Demarkierung, also die rechtliche Anerkennung indigener Territorien, wurde wieder begonnen – auch wenn es mittlerweile wieder ins Stocken geraten ist. Leider verabschiedete der mehrheitlich extrem konservative Nationalkongress in den vergangenen zwei Jahren mehrere Gesetze zur Beschneidung der Grundrechte der Indigenen und ihrer Territorialrechte: Dabei sollen Bergbau und Landwirtschaft in Indigenen Gebieten erlaubt werden, die Umweltgenehmigungsverfahren aufgeweicht und die Stichtagsregelung „Marco Temporal“ eingeführt werden.
Für die brasilianische Regierung unter Präsident Lula ist die COP30 eine Gelegenheit, sich als Stimme des Globalen Südens, Klimavorreiter und Verteidigerin des Amazonasregenwaldes zu profilieren. Doch die Erschließung neuer Offshore-Ölfelder vor der Mündung des Amazonas und die Tatsache, dass der Einfluss der extraktiven Industrien und des mächtigen Agrobusiness in Brasilien weiterhin ungebrochen ist, sprechen eine andere Sprache.
Die Klimabewegung sagt: Was in Belém entschieden wird, beeinflusst auch, wie Berlin lebt, atmet und sich in Zukunft entwickelt. Wie ist das zu verstehen?
Die Ergebnisse dieser Klimakonferenz gelten vielen als letzte Chance, die globale Klimapolitik noch zu retten, und das hat auch Auswirkungen auf Berlin. Dies selbstverständlich nicht unmittelbar, aber die Rahmensetzungen der globalen, europäischen wie bundesdeutschen Klimapolitik beeinflussen auch die Berliner Landespolitik.
Der Berliner Senat hat ambitionierte Klimaschutzziele im Berliner Klimaschutz- und Energiewendegesetz festgeschrieben, die mit dem Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm 2030 umgesetzt werden. Mit alledem verpflichtet sich Berlin, seinen Beitrag zur Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 zu leisten. Ziel ist es, die klimaschädlichen CO2-Emissionen bis 2040 um mindestens 90 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 1990 zu senken.
Das ist begrüßenswert, doch in vielen Bereichen mehr Anspruch als Wirklichkeit und alles andere als ein Selbstläufer. Aktuell zeigt sich das bei den Debatten um eine klimafreundliche Verkehrswende in Berlin: Hier hat sich ein „autofreundlicher“ Kurs durchgesetzt, der den selbstgesetzten Klimazielen diametral entgegensteht. Hoffentlich vollzieht sich ein solcher „roll back“ angesichts der aktuellen geopolitischen Konjunktur nicht auch noch woanders. Dafür ist es unerlässlich, dass die organisierte Zivilgesellschaft Druck auf die Politik ausübt und sie nicht aus ihrer Verantwortung entlässt.
Das im Berliner Abgeordnetenhaus beschlossene Klimaanpassungsgesetz zur Aufstockung des Baumbestands auf eine Million ist eng angelehnt an ein Volksbegehren der Bürgerinitiative „BaumEntscheid“. Zwar kann das Pflanzen von Bäumen in Berlin das globale Klima nicht retten, aber sicher einen Beitrag für ein besseres Klima in Berlin leisten. Die Initiative „Berlin aktiv im Klima-Bündnis“ verdeutlicht die aus Berlins Mitgliedschaft im „Klima-Bündnis der europäischen Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder“ erwachsene Verpflichtung: Der Schutz des amazonischen Regenwaldes, die Unterstützung indigener Völker und globale Klimagerechtigkeit sind eng miteinander verbunden. Dieser Zusammenhang wird auch auf der COP in Belém thematisiert.
Jan Dunkhorst arbeitet beim FDCL – Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile und Lateinamerika e.V. sowie in der Initiative „Berlin aktiv im Klima-Bündnis“.
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FDCL – Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile und Lateinamerika e.V.
Initiative „Berlin aktiv im Klima-Bündnis“
Dossier „Letzte Ausfahrt Belém“ von Lateinamerika-Nachrichten, FDCL, Lateinamerika-Forum Berlin und IGLA: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/dossier-2025-inhaltsverzeichnis/
Veranstaltung am 15. November 2025, 16 bis 18 Uhr: Veranstaltung: Inside COP30 – Neue Allianzen für eine gerechte Klimapolitik auf der COP in Belém