Partnerschaft als Lernprozess
Ein Gespräch mit Rosa López und Carola von der Dick über die Partnerschaftsarbeit im Projekt Sister Cities in Action
aus dem BER-Newsletter 11/ Dezember 2025

Das Modellprojekt Sister Cities in Action verbindet die drei Städtepartnerschaften Berlins mit Windhoek, Mexiko-Stadt sowie Jakarta auf zivilgesellschaftlicher Ebene miteinander. Die sieben beteiligten Organisationen begegneten sich zum jährlichen Treffen in Windhoek, um die multilaterale Partnerschaft weiter zu entwickeln. Wir haben mit den Berliner Koordinatorinnen Rosa López (Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag) und Carola von der Dick (Watch Indonesia!) über ihre Erfahrungen, Herausforderungen in der Zusammenarbeit und die Spuren des Kolonialismus gesprochen.
BER: Im Modellprojekt sind regelmäßig Präsenzarbeitstreffen vorgesehen. Zuletzt habt Ihr Euch als Projekt in Windhoek, Namibia, getroffen. Welchen Zweck erfüllen diese gemeinsamen Arbeitstreffen – und wie war die Resonanz vor Ort?
Rosa López: Ein wichtiges Ziel ist es, langfristige Beziehungen aufzubauen. Persönliche Begegnungen ermöglichen einen Austausch, der online – vor allem über mehrere Zeitzonen hinweg – kaum möglich ist. Man lernt sich kennen, entwickelt Ideen weiter und reflektiert die bisherige Zusammenarbeit. Besonders bedeutend war diesmal, Räume für Süd-Süd-Begegnungen zu schaffen. Viele Teilnehmende aus Windhoek haben hervorgehoben, wie wertvoll der direkte Austausch mit den Kolleg*innen aus Jakarta und Mexiko-Stadt war. Das Interesse an eigenständigen Kooperationen zwischen Partnern des Globalen Südens ist groß – ohne dass diese immer über Berlin laufen müssen.
Ein weiterer Schwerpunkt war, Wissen über Windhoek – insbesondere im Kontext der Kolonialgeschichte – zu erhalten. Auch haben wir viele Gespräche mit lokalen Organisationen über mögliche Kooperationen geführt. Unsere Partner*innen vor Ort haben dafür ein beeindruckendes Programm organisiert.
Carola von der Dick: Es wurden klare Erwartungen von der Zivilgesellschaft vor Ort an uns formuliert – insbesondere beim Thema ungleicher Zugang zu Visa. Da es in Namibia oft nicht einmal möglich ist, einen Termin in der Deutschen Botschaft für einen Visaantrag zu erhalten, entsteht ein massives Ungleichgewicht in der Gestaltung der Partnerschaft. Gleichberechtigte Zusammenarbeit bedeutet auch gleiche Möglichkeiten der Mobilität.
BER: In Deutschland wird aktuell viel über die Wiedergutmachung des deutschen Genozids an den Herero und Nama und über Reparationen diskutiert. Wie sichtbar ist diese Geschichte in Windhoek?
Rosa López: Die koloniale Vergangenheit ist allgegenwärtig. Für mich ist es unvorstellbar, sie nicht wahrzunehmen – es sei denn, man bewegt sich in rein weiß geprägten Tourismusstrukturen, die vieles ausblenden. Sobald herauskam, dass ein Teil von uns aus Deutschland kommt, war das Thema sofort präsent: Viele Menschen erzählten von ihrer Herkunft, vom Genozid oder sprachen die Rolle Deutschlands direkt an. Das historische Bewusstsein ist stark – und die Erwartung, dass deutsche Besucher*innen sich mit dieser Geschichte auseinandersetzen, ebenso.
Carola von der Dick: Besonders auffällig sind die vielen deutschen Straßennamen, wie Bergstraße oder Hügel-Street, obwohl bereits etliche umbenannt wurden. Die Debatten ähneln teilweise denen in Berlin: Einige argumentieren, Umbenennungen würden historische Bezüge unsichtbar machen, andere machen Argumente für eine Umbenennung stark – aber die Kontexte, in denen eise Diskurse stattfinden, sind natürlich verschieden. Ein noch stärkerer Austausch zwischen Initiativen in Berlin und Windhoek wäre sinnvoll. Viele Menschen in Deutschland kennen nicht mal das Land Namibia oder die Hauptstadt Windhoek. Und es gibt noch zu wenig in Berlin, das an diese koloniale Vergangenheit erinnert.
BER: Wo zeigen sich koloniale Kontinuitäten im Alltag heute besonders deutlich?
Rosa López: Ein zentrales Beispiel ist der Tourismus, in dem koloniale Machtstrukturen fortbestehen. Unter anderem aufgrund der historischen Landverteilung sind heute rund 90 Prozent der touristischen Infrastruktur in weißer Hand. Angebote Schwarzer Namibier*innen sind kaum sichtbar – man muss aktiv nach ihnen suchen. Wer bewusst reisen möchte, sollte darauf achten, wo man bucht, von wem man ein Auto mietet und wen man damit unterstützt.
Carola von der Dick: In ganz Namibia gehören etwa 70 Prozent des landwirtschaftlichen Landes weißen kommerziellen Farmen, obwohl deutschstämmige Menschen nur rund ein bis zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Das zeigt, wie extrem ungleich Macht und Ressourcen verteilt sind. Hinzu kommt die historische „Rote Linie“, die Namibia bis heute wirtschaftlich und sozial trennt: Der überwiegend weiße Süden und der überwiegend Schwarze Norden haben sehr unterschiedliche Zugänge zu Land, Märkten und Einkommen. Diese kolonialen Grenzziehungen wirken bis heute fort.
Rosa López: Auch in Windhoek selbst ist diese Trennung sichtbar. Die inneren Stadtteile sind überwiegend weiß, während Schwarze Menschen dort vor allem arbeiten. Viele wohnen in außenliegenden Stadtteilen, die historisch segregiert wurden. Die Kontinuität vom deutschen Kolonialismus ins Apartheid-System ist spürbar – und die Unabhängigkeit 1990 liegt nicht lange zurück. Strukturelle Veränderungen brauchen Zeit.
Carola von der Dick: Es gibt Bewegungen, die sich mit der Landfrage befassen. Gleichzeitig ist es ein sensibles Thema, gerade weil in Nachbarländern negative Erfahrungen gemacht wurden, etwa mit internationalen Sanktionen nach Landumverteilungen.
BER: Während eurer Reise war auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner in Windhoek. Er sprach davon, Jugendarbeitslosigkeit in Namibia durch Ausbildungsprogramme für den deutschen Arbeitsmarkt zu bekämpfen. Wie bewertet ihr diesen Ansatz aus zivilgesellschaftlicher Perspektive?
Carola von der Dick: Das kann man auch als koloniale Kontinuität lesen. Soweit wir wissen, zielt das betreffende Ausbildungsprojekt nicht darauf ab, Arbeitsplätze in Namibia zu schaffen, die dem Land selbst zugutekämen. Stattdessen sollen junge Menschen für den deutschen Arbeitsmarkt ausgebildet und nach Berlin gebracht werden.
Rosa López: Natürlich muss man differenzieren: Für manche ist der Aufenthalt in Deutschland eine Chance. Aber das Problem beginnt damit, dass es vor Ort kaum Perspektiven gibt. Wenn die einzige Option im Ausland liegt, ist das ein Ausdruck bestehender globaler Ungleichheiten – nicht deren Lösung. Die müsste woanders ansetzen.
Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Namibia bei etwa 45 Prozent. Einige junge Menschen sind sehr engagiert, politisch interessiert und formulieren klare Forderungen an die Regierung – gleichzeitig fehlt es ihnen an Möglichkeiten, diese auch direkt in politischen Prozessen einzubringen. Ein großes Thema ist die Stärkung politischer Bildung: Viele wissen nicht, welche Rechte sie haben oder in welchen politischen Räumen sie sich einbringen könnten. Und bevor junge Menschen sich politisch engagieren, stehen oft existenzielle Fragen im Vordergrund.
BER: Welche Kooperationen werdet Ihr demnächst angehen?
Carola von der Dick: Um bei der Förderung der Jugend in beiden Ländern anzusetzen, haben wir zum Beispiel einen Sportaustausch mit der Jugendorganisation Physically Active Youth (PAY) geplant.
Rosa López: Im kommenden Jahr steht das Thema Erinnerungskultur an – dafür werden wir Impulse aus Windhoek aufnehmen und den Dialog dazu mit allen drei Partnerstädten ausbauen. Und um über strukturelle Ausgrenzung von LGBTIQ-Personen in Namibia und Deutschland ins Gespräch zu kommen, gibt es demnächst einen stärkeren Austausch mit Equal Namibia, einer Organisation, die zu LGBTIQ-Rechten arbeitet.