Solidarität heißt Macht abgeben – Edward Mutebi über queere Rechte in der Zusammenarbeit
Ein Interview mit mit Edward Mutebi (Bündnis Queere Nothilfe, Let’s Walk Uganda)
aus dem BER-Newsletter 3 / März 2026
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LSBTIQ*-Rechte, also Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen sowie weiteren queeren Menschen, werden aktuell stark eingeschränkt. Im entwicklungspolitischen Diskurs wird dies als Teil einer weltweiten Gegenbewegung gegen Geschlechtergerechtigkeit verhandelt. In diesem Interview sprechen wir mit Edward Mutebi (Bündnis Queere Nothilfe, Let’s Walk Uganda) über Möglichkeiten und Grenzen transnationaler Solidarität, um die Rechte, Macht und Selbstbestimmung von LSBTIQ*-Personen zu stärken. Als Panelist beim BER-Abendpanel im November 2025 diskutierte Edward Mutebi zusammen mit Radwa Khaled-Ibrahim (medico international), und Abdul-wadud Mohammed, Moh (ehemals LGBT+ Rights Ghana) über die Verbindung von queer-feministischen und dekolonialen Ansätzen.
BER: Organisationen im Globalen Norden arbeiten daran, die Rechte von LSBTIQ*-Menschen zu stärken. Dennoch ist diese Arbeit weiterhin von kolonialen Kontinuitäten geprägt. Wie können NGOs diesem Dilemma begegnen: LSBTIQ*-Rechte stärken, ohne queere Realitäten zu instrumentalisieren?
Edward Mutebi: Um Entwicklungszusammenarbeit anders zu gestalten, müssen wir zunächst unser Verständnis der Realitäten im Globalen Süden grundlegend verändern. Zum Beispiel gehen wir oft davon aus, dass queere Identitäten und Rechte in Europa entstanden sind und in den Globalen Süden übertragen werden. Das ignoriert die Tatsache, dass bereits vor der Kolonialherrschaft vielfältige Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten in unseren Gesellschaften existierten. Diese wurden später durch koloniale Gesetze kriminalisiert. In Ländern wie Uganda, Ghana oder Kenia gibt es lebendige Bewegungen, die sich seit Jahrzehnten unter extrem schwierigen Bedingungen organisieren – sogar unter repressiven Gesetzen wie Ugandas Anti-Homosexuality Act von 2023. Wir müssen die Denkweise verändern: weg vom Export (nordischer oder europäischer) Werte hin zu einer Umverteilung von Macht zwischen Nord und Süd.
Echte Machtteilung bedeutet, lokalen Akteur*innen zu ermöglichen, Prioritäten selbst zu definieren – auch bei der Verteilung von Geldern. Nachdem in Uganda der Anti-Homosexuality Act verabschiedet wurde, brauchten Organisationen dringend rechtliche Unterstützung, sichere Unterkünfte und psychosoziale Hilfe. Doch Fördermittel waren oft weiterhin an vorab festgelegte Kampagnen gebunden, wodurch eine Diskrepanz zwischen dringenden Bedarfen und verfügbaren Ressourcen entstand. Das zeigt, wie wichtig Flexibilität und lokal gesetzte Agenden sind. Top-down-Entscheidungen aus dem Globalen Norden untergraben lokale Führung.
Entwicklungsprojekte, wie zum Beispiel Capacity Building, sollten nicht davon ausgehen, dass Expertise ausschließlich vom Norden in den Süden fließt. Aktivist*innen im Globalen Süden sind politische Navigator*innen, die ihre Umfelder verstehen. Für viele Organisationen stehen Resilienz und das Überleben unter Repression im Vordergrund. Wir brauchen gemeinsame Governance-Strukturen, in denen Menschen aus dem Globalen Süden direkt an Entscheidungsprozessen beteiligt sind. In Partnerschaften sollten Programme gemeinsam entwickelt, Ressourcen transparent verteilt, und Risiken geteilt werden. Besonders wichtig ist die politische Interessenvertretung in Europa – insbesondere dann, wenn LSBTIQ+-feindliche Narrative im Ausland befeuert werden. Solidarität bedeutet nicht, queere Realitäten von außen zu definieren – sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Communities sich selbst sicher definieren können.
BER: Welche strukturellen Barrieren und Machtverhältnisse siehst Du in der Entwicklungszusammenarbeit für queere und lokale Organisationen in Ländern des Globalen Südens, etwa in Uganda? Und was kann getan werden, um sie abzubauen?
Edward Mutebi: Wir müssen die unbequeme Wahrheit akzeptieren, dass Entwicklungszusammenarbeit häufig innerhalb kolonialer Strukturen operiert. Um diese aufzubrechen, müssen wir die strukturellen Mechanismen der Entwicklungszusammenarbeit angehen. Dabei ist die Förderlogik zentral. Die meisten Förderungen sind kurzfristig und projektbasiert, was für Organisationen im Globalen Süden prekäre Bedingungen schafft. Zudem führt die Logik des „De-Risking“ zu Ausschlüssen. Das meint die Praxis, mit Akteuren zusammenzuarbeiten, die ihre Finanzierungsquellen und Ausgaben vollständig nachweisen können und damit die Rechenschaftslast reduzieren – zum Beispiel gegenüber dem BMZ und der deutschen Bundesregierung. De-Risking führt vor allem zu Partnerschaften mit etablierten Organisationen, die über die entsprechenden Reporting-Strukturen verfügen. Sehr wichtige Transgender-Institutionen und Graswurzelinitiativen bleiben in diesem System auf der Strecke. Dabei sind es gerade diese Gruppen, die auf reale lokale Bedürfnisse reagieren und echten Wandel vor Ort vorantreiben.
Ein Beispiel ist Kenia: Dort haben Abgeordnete ein Anti-LSBTIQ+-Gesetz vorgeschlagen, das dem in Uganda ähnelt. Nun brauchen Organisationen schnell verfügbare Mittel für eine Reaktion. Stattdessen müssen sie in einjährigen Projektzyklen und starren Output-Rahmen handeln. Wir haben das in Uganda gesehen, nachdem das Gesetz verabschiedet wurde – und wir haben bis heute mit den Folgen zu tun. Man kann von uns nicht erwarten, dass wir dieselben Dokumente vorlegen wie vor vier oder fünf Jahren, bevor das Anti-Homosexuality-Gesetz existierte. Die Dinge verändern sich. Förderungsmechanismen müssen flexible Notfallinstrumente integrieren, um Communities in akuten Situationen zu unterstützen.
BER: Wie können NGOs in Berlin kleinere Organisationen und Graswurzelinitiativen erreichen, die im Globalen Süden von trans Personen oder Geflüchteten geleitet werden?
Edward Mutebi: Organisationen und Projekte in Deutschland sollten aktiv auf solche Initiativen zugehen, wenn sie Graswurzelprojekte wirklich unterstützen wollen. Am besten ist es Konsortien zu priorisieren, die in Graswurzel-Communities verankert und ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig sind. Websites von Organisationen und staatlichen Stellen sollten Fördermöglichkeiten transparent und zugänglich machen. Sprachbarrieren erschweren es Gruppen im Globalen Süden beispielsweise erheblich, überhaupt Informationen über Fördermöglichkeiten zu erhalten, was das Ungleichgewicht weiter verstärkt.
Zusammengefasst: Um strukturelle Barrieren und koloniale Machtverhältnisse zu überwinden, muss sich Entwicklungszusammenarbeit in Richtung langfristiger Förderung, flexibler Notfallmechanismen, vereinfachter Berichtspflichten sowie zugänglicher, direkter Finanzierung für vom Globalen Süden geführte Konsortien verschieben.
BER: Berlin inszeniert sich als Regenbogenhauptstadt und ist ein wichtiger Standort für entwicklungspolitische Akteur*innen. Welche Empfehlungen hast Du für Politik und Zivilgesellschaft in Berlin: Welche Praktiken sollten sie bewusst vermeiden, um Ungleichheiten nicht zu reproduzieren?
Edward Mutebi: Berlin ist tatsächlich eine queere Hauptstadt, zumindest auf symbolischer Ebene, und das wissen wir zu schätzen. Doch symbolisches Branding ohne strukturelle Verantwortung birgt das Risiko, genau jene Ungleichheiten zu reproduzieren, die Berlin eigentlich überwinden will. Die jüngsten Kürzungen von Fördermitteln für viele wichtige Projekte, die insbesondere feministische und queere Initiativen sowie Organisationen, die Geflüchtete und marginalisierte Communities unterstützen, betreffen, sind inakzeptabel. Wir müssen sicherstellen, dass die verantwortlichen Stellen, etwa der Senat, ausreichende Ressourcen bereitstellen. Dazu gehören Fördermittel, Wohnraum, Austauschprogramme oder auch der Ausbau von Notfallvisa-Programmen für gefährdete Aktivist*innen aus Ländern mit Anti-LSBTIQ+-Gesetzen wie Uganda. Wenn wir hier in Berlin keine Verantwortung übernehmen, verlieren wir die Legitimität, uns selbst Regenbogenhauptstadt zu nennen.
BER:In Bezug auf die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Uganda: Deutschland finanziert weiterhin Programme in Uganda, auch über Kirchen. Welche Auswirkungen hat das auf den Anti-Homosexuality Act?
Edward Mutebi: Da wird der Widerspruch in der Finanzierung durch den Globalen Norden deutlich. Deutschland unterstützt LSBT+-Bewegungen in Uganda, finanziert aber gleichzeitig staatliche Institutionen – trotz Bedenken über demokratische Rückschritte und Unregelmäßigkeiten bei Wahlen.
Ein Beispiel: In Uganda gibt es Probleme mit Polizeigewalt gegenüber der LSBT+-Community. Trotzdem fließen weiterhin Gelder an Sicherheitsinstitutionen. Es gibt außerdem Finanzierung für Institutionen wie den Interreligious Council of Uganda, die eine bedeutende Rolle bei der Mobilisierung von Anti-LSBT+-Narrativen gespielt haben. Manchmal erhalten wir nur wenig oder gar keine Finanzierung für progressive Menschenrechtsarbeit, wie den Widerstand gegen den Anti-Homosexuality Act. Weit mehr Ressourcen gehen an Institutionen, die uns effektiv verfolgen. Steuergelder sollten keine Institutionen unterstützen, die die Rechte, die Würde und die Freiheit von Menschen verletzen.
Mangelnde Transparenz verschärft dieses Problem. Wenn Gelder hinter verschlossenen Türen zwischen Regierungen verhandelt werden, wird es schwierig nachzuvollziehen, wie sie verwendet werden. Die ugandische Regierung kann Deutschland etwa um Geld für eine Straße bitten und es anschließend an Sicherheitsorgane weiterleiten. Wir fordern keinen vollständigen Rückzug der Finanzierung – wir plädieren für gezielte Maßnahmen. Mittel sollten klar für konkrete Entwicklungsprojekte – Straßen, Krankenhäuser, Schulen für Mädchen – vorgesehen und transparent überwacht werden. Wenn Deutschland Gelder für Bildung bereitstellt, muss es eine Nachverfolgung geben, um sicherzustellen, dass sie tatsächlich diesem Zweck dienen.