Was passiert in Dêrik? Die Partnerstadt von Friedrichshain-Kreuzberg im Zentrum einer humanitären und politischen Krise
Ein Interview mit den Mitarbeiter*innen der Städtepartnerschaftsinitiative Berlin Friedrichshain-Kreuzberg mit Dêrik, Rojava
aus dem BER-Newsletter 2/ Februar 2026

Seit Anfang 2026 geraten die selbstverwalteten Gebiete im Norden und Osten Syriens zunehmend unter Druck. Regierungstruppen rücken in ehemals von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) kontrollierte Regionen vor, nachdem Verhandlungen über deren Eingliederung in den syrischen Staat gescheitert sind. Die Selbstverwaltung in Rojava – dem de facto autonomen Gebiet in Nord- und Ostsyrien – die sich im Verlauf des Bürgerkriegs aufgebaut hatte und international als demokratisches Gegenmodell galt, steht damit vor ihrer bislang größten Bedrohung. Dêrik, eine Stadt im äußersten Nordosten Syriens an der Grenze zum Irak, ist bislang nicht von Regierungstruppen eingenommen worden, hat sich jedoch zu einem wichtigen Zufluchtsort für Zehntausende Binnengeflüchtete entwickelt.
Seit 2019 besteht eine offizielle Städtepartnerschaft zwischen Dêrik und dem Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, deren Akteur*innen die Entwicklungen vor Ort aus direktem Austausch verfolgen. Der BER sprach mit den Mitarbeiter*innen der Partnerschaftsinitiative über die aktuellen Entwicklungen.
BER: Rojava gilt für viele sozial-ökologische und munizipalistische Bewegungen weltweit als Vorbild. Was sind die zentralen Prinzipien dieses Projekts – und warum ist es gerade für sozial-ökologische Akteur*innen so inspirierend?
Zu den tragenden Prinzipien gehört die konsequente Geschlechtergerechtigkeit, die sich unter anderem in der paritätischen Doppelspitze aller politischen und administrativen Funktionen ausdrückt. Ebenso zentral ist der ökologische Anspruch: Aufforstungsprojekte und Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel wurden gezielt vorangetrieben. Durch die ständige Bedrohung und die Angriffe durch die Türkei kamen solche Initiativen allerdings immer wieder ins Stocken. Hinzu kommen die verheerenden ökologischen Folgen der Euphrat- und Tigris-Staudämme in der Türkei, die in Verbindung mit dem Klimawandel das ökologische Gleichgewicht in Rojava und ganz Syrien massiv beeinträchtigen.
Die kommunale Verwaltung ist bewusst nicht hierarchisch, sondern weitgehend von unten nach oben organisiert. Die Bevölkerung ist in Nachbarschaften sowie Stadtteilräten organisiert – deren Anliegen werden an die Stadtverwaltungen herangetragen und dort verbindlich bearbeitet. Auch zivilgesellschaftliche Gruppen, die sich etwa in Räten wie dem Hinterbliebenenrat organisieren, sind in Entscheidungsprozesse eingebunden. Frauen organisieren sich auf allen Ebenen in eigenen Strukturen. Alle Bevölkerungsgruppen – unabhängig von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit – sind formal gleichberechtigt. Dieses Modell hat sich weitgehend bewährt, stößt jedoch weiterhin auf Widerstände, da autoritäre, patriarchale und tribale Denkmuster und Strukturen tief verwurzelt sind.
BER: Wie hat sich die Städtepartnerschaft mit Dêrik in den vergangenen sechs Jahren entwickelt – und warum ist sie politisch bedeutsam?
Anfangs (2017/18) stieß unsere Initiative in Friedrichshain-Kreuzberg auf Skepsis. Heute wird die Städtepartnerschaft im Bezirksamt und in allen demokratischen Fraktionen der BVV als seriös und aktiv wahrgenommen. Auf Landesebene konnten wir immer wieder konstruktive Gespräche führen. Bundesweit sowie in den großen Medien besteht jedoch kaum Resonanz – selbst über Benefizkonzerte für Dêrik wird kaum berichtet. Bitten um Gespräche im Auswärtigen Amt oder im BMZ blieben unbeantwortet, offenbar aus Angst, die Türkei zu verärgern.
Politisch bedeutsam ist die Partnerschaft, weil wir durch drei Delegationen nach Dêrik, einen Gegenbesuch der Ko-Bürgermeister in Berlin und regelmäßige Videokonferenzen ein realistisches Bild der Situation vor Ort gewinnen. So können wir die Berliner Bevölkerung direkter informieren und Einblicke geben, die über die oft oberflächliche Berichterstattung der Medien hinausgehen.
In den vergangenen sechs Jahren haben wir rund eine halbe Million Euro an Spenden und Fördermitteln mobilisiert: Zusammen mit der Stiftung der freien Frau in Syrien (Weqfa Jina Azad a Sûrî) betreiben wir seit 2020 eine mobile Klinik für Frauen und Kinder im Umland. Vier Schulen wurden saniert, eine solarbetriebene Wasserpumpe installiert, die 5.000 Menschen sauberes Trinkwasser liefert. Wir haben ein ausgetrocknetes Flussbett wiederhergestellt und bauen aktuell solarbetriebene Brunnen für Geflüchtete. Am Stadtrand unterstützen wir zudem den Anschluss von Wohnhäusern an die Wasserinfrastruktur.
Zunehmend gelingt es uns auch, kurdische Berliner*innen aktiv in unsere Arbeit einzubeziehen. Anfangs herrschte Zurückhaltung, doch mittlerweile erkennen immer mehr aus der kurdischen Diaspora, dass die Partnerschaft konkrete Verbesserungen für die Menschen in ihrer Heimat bewirkt – und einen diskriminierungsfreien Raum für ehrenamtliches Engagement bietet. Gerade angesichts der Repressionen, denen viele Kurd*innen in Deutschland ausgesetzt sind und die viele in die Isolation getrieben hat, ist diese Einbindung besonders wichtig.
BER: Wie stellt sich die Situation in Dêrik angesichts der aktuellen Eskalationen dar? Was hört ihr von den Menschen vor Ort, und in welchem Kontakt steht ihr als Partnerkommune derzeit?
Solange das Telefonieren nach Dêrik noch möglich ist, sind wir gut über die Lage informiert. Gleichzeitig bereiten wir uns realistisch auf Szenarien vor, in denen die Kommunikation eingeschränkt sein könnte. Nach unseren Kenntnissen sind bereits über 20.000 Menschen nach Dêrik und Umgebung geflohen und finden notdürftig in Schulen, Moscheen oder Privathäusern Schutz. Offizielle UNHCR-Angaben sprechen von rund 8.000 Binnenvertriebenen, die genaue Zahl ist schwer zu ermitteln, da täglich weitere Menschen aus Aleppo, Tabqa, Raqqa und Deir ez-Zor hinzukommen – Regionen, in denen Milizen der Zentralarmee die Kontrolle übernommen haben. Viele berichten von Misshandlungen und Demütigungen und besitzen nichts als die Kleidung am Leib. Die wenigen, die sich getraut haben in ihre Heimatorte zurück zu kehren, finden ihre Häuser zerstört oder geplündert vor.
Hinzu kommt, dass in Dêrik derzeit auch Winter ist: Schnee und die durchdringende Kälte setzen insbesondere Geflüchteten zu. In den Schulen, Moscheen und unfertigen Bauten, in denen die Geflüchteten untergebracht sind, fehlt es an Heizmöglichkeiten, Lebensmitteln, Babynahrung, Kleidung und Medikamenten. Große NGOs sind zwar vor Ort, doch es mangelt an Koordination. Wir erfahren von den lokalen Organisationen, wo die Hilfe am dringendsten gebraucht wird – dann fährt unsere mobile Klinik dorthin und leistet medizinische sowie psychologische Unterstützung, während Partnerorganisationen die Versorgung mit Lebensnotwendigem übernehmen.
Dêrik ist einer der beiden Hotspots der humanitären Krise im äußersten Nordosten Syriens und liegt in unmittelbarer Grenznähe zum Nordirak. Viele Menschen hoffen, im Falle einer weiteren Eskalation ins kurdische Autonomiegebiet im Nordirak fliehen zu können.
Zusammen mit anderen Organisationen wie dem Kurdischen Ärzteverband in Deutschland e.V. haben wir die „Aktion Nothilfe für Rojava“ gestartet. Bisher konnten wir 12.000 Euro überweisen und damit konkrete Hilfsgüter kaufen und verteilen.
BER: Die Gleichberechtigung der Frauen ist eine zentrale Säule der Selbstverwaltung in Dêrik. Welche Auswirkungen haben die aktuellen Umbrüche auf diese Errungenschaften, und wo seht ihr die größten Gefährdungen?
Wir sind sehr besorgt, wie es unter einer islamistisch geprägten Zentralregierung weitergeht. Besonders die Frauenrechte stehen auf dem Spiel: Die Regierung in Damaskus gibt konservativen, patriarchalen Kräften Aufwind. Ein Blick in den Nordwesten Syriens, etwa nach Idlib, zeigt die Folgen – dort herrscht eine islamistische, autoritäre Ordnung, in der Frauen praktisch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen sind. In den Straßen sieht man, wenn überhaupt, nur verhüllte Frauen. In Latakia dürfen Frauen in Behörden nicht mehr geschminkt zur Arbeit erscheinen, in Rakka werden Burkas verteilt.
Für die Frauen in Dêrik bedeutet das eine akute Bedrohung ihrer Errungenschaften – sie können nicht einfach in diese Strukturen zurückkehren. Auch die Integration der Fraueneinheiten der Selbstverwaltung in die neue syrische Armee ist unklar – gerade weil in deren Reihen auch ehemalige IS-Kämpfer dienen. Diese Entwicklungen gefährden nicht nur die Gleichstellung, sondern das gesamte demokratische Fundament der Selbstverwaltung.
BER: Die kurdische Gemeinschaft ist bekannt für ihren selbstorganisierten politischen Widerstand. Welche Formen des Widerstands und der Selbstorganisation entwickeln sich in Berlin, und wie reagieren sie auf die Entwicklungen in Rojava?
Unter der kurdischen Diaspora in Berlin herrscht große Enttäuschung über die USA, Europa und besonders Deutschland und die Deutschen. Viele fühlen sich erneut verraten: Man kämpfte gegen den IS auch im Interesse Europas, nur um nun zu sehen, wie die von Al Sharaa geleitete, faktisch nicht legitimierte Regierung mit 620 Millionen Euro an EU-Geldern unterstützt wird, während ehemalige IS-Kämpfer kurdische Viertel in Aleppo überfallen und in Rakka die IS-Fahne wieder gehisst wird.
Trotz dieser Schläge rücken die kurdischen Organisationen in Berlin enger zusammen und stellen ihre ideologischen Differenzen zurück. Viele erkennen, dass es nicht nur um einen lokalen Konflikt in Syrien geht, sondern dass erneut ein Volk von über 40 Millionen Menschen gedemütigt und verraten wird.
Wie es in Rojava weitergeht, lässt sich noch nicht absehen. Entscheidend wird sein, ob die zivile Verwaltung bestehen bleibt – nur dann können die gewachsenen Strukturen und der politische Widerstand vor Ort weiter aufgebaut werden.
BER: Wie kann die Berliner Zivilgesellschaft solidarisch gegenüber den Menschen und der Bewegung in Rojava handeln? Was fordert ihr als Städtepartnerschaft von Politik und Gesellschaft in Berlin?
Wir wünschen uns, dass viele Menschen unsere Spendenkampagne unterstützen und in ihrem Umfeld verbreiten. Jede Hilfe trägt direkt dazu bei, die dringend benötigten medizinischen und humanitären Leistungen für Geflüchtete und Menschen in Rojava zu sichern.
Darüber hinaus sollte sich die Zivilgesellschaft – und auch die Politik – für die Anerkennung der Kurd*innen in Deutschland einsetzen, sowohl kulturell als auch sprachlich. Das umfasst zum Beispiel muttersprachlichen Unterricht an Schulen, so wie er für Türkisch angeboten wird, und eine gleichberechtigte Förderung kurdischer Sprache und Kultur. Viele Kinder und Jugendliche der sogenannten „Gastarbeitergeneration“ haben kurdische Wurzeln, die sie lange aus Angst vor Repression verschweigen mussten. Das ändert sich gerade: Heute lernen immer mehr junge Kurd*innen ihre Muttersprache, Tänze, Musik und Kultur kennen – ein wichtiger Schritt gegen Marginalisierung und für Selbstbewusstsein.
Solidarität kann auch im Alltag sichtbar werden: Wer im Späti, im Gemüseladen oder Restaurant nachfragt, ob Inhaber*innen oder Beschäftigte kurdischer Herkunft sind, trägt bereits zur Akzeptanz bei. Kurd*innen in Berlin erleben weiterhin starken Rassismus, auch von türkischen und arabischen Communities. Jede Form der Unterstützung, des Sichtbarmachens und der Anerkennung hilft, dem negativen Framing entgegenzuwirken und die kurdische Gemeinschaft zu stärken.