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Wer gehört zum „Wir“?

Die FIFA verspricht mit „Football Unites the World“ ein globales Fußballfest. Doch wer kann daran tatsächlich teilhaben? Am Beispiel der Männer-WM 2026 zeigt Rico Noack von der BER-Mitgliedsorganisation Gesellschaftsspiele e.V., wie Visa, Grenzregime und finanzielle Hürden globale Ungleichheiten sichtbar machen – und warum diese auch ein entwicklungspolitisches Thema sind.

Die Grenzen eines globalen Fußballversprechens

Beobachtungen von Rico Noack (Gesellschaftsspiele e.V.)

aus dem BER-Newsletter 7 / Juli 2026

„WE ARE 26“ – so lautet die Markenbotschaft des Weltfußballverbands FIFA zur Weltmeisterschaft der Männer 2026. Trotz der spektakulären Inhaltsleere dieser Formel – je nach Lesart Versprechen oder Drohung – lohnt ein Blick auf das „WE“. Parallel existiert seit der WM 2022 die FIFA-Kampagne „Football Unites the World“. Diese Losung bringt das universelle Selbstbild des Weltverbands noch deutlicher auf den Punkt: Fußball soll verbinden, über Grenzen hinweg.

Aber wer ist mit diesem „Wir“ eigentlich gemeint – und wer wird nur mitgedacht, solange er ins Bild passt?

Ein Blick auf die teilnehmenden Länder des afrikanischen Kontinents zeigt zunächst tatsächlich einen Fortschritt. Mit Algerien, Cabo Verde, Côte d’Ivoire, der Demokratischen Republik Kongo, Ägypten, Ghana, Marokko, Senegal, Südafrika und Tunesien waren so viele afrikanische Nationalmannschaften vertreten wie nie zuvor. Der bisherige Höchstwert lag 2010 bei sechs Teilnehmern. Die Rekordzahl erklärt sich zwar auch durch das vergrößerte Turnierformat mit 48 statt zuvor 32 Teams. Dennoch blieb der sportliche Erfolg bemerkenswert: Neun der zehn afrikanischen Mannschaften überstanden die Gruppenphase.

Doch dieses „Wir“ stieß schnell an seine Grenzen. Nicht sportlich. Politisch.

Diese Weltmeisterschaft ließ selbst von der FIFA längst desillusionierte Fans mit offenen Mündern zurück. Omar Abdulkadir Artan, Afrikas Schiedsrichter des Jahres 2025, war als offizieller Referee nominiert und hätte als erster somalischer Schiedsrichter überhaupt ein Spiel einer Männer-Weltmeisterschaft leiten können. Am Flughafen von Miami erfuhr er jedoch, dass er trotz gültigen Visums nicht einreisen darf. Die später von der US-Regierung erhobene Behauptung, Artan habe Kontakte zu mutmaßlichen Mitgliedern terroristischer Gruppen gehabt, wurde öffentlich nie mit überprüfbaren Belegen unterlegt. Zurückgenommen wurde sie bislang ebenfalls nicht.

Artan blieb kein Einzelfall. Südafrika hatte mit Visa-Problemen im Teamumfeld zu kämpfen. Der kongolesische Fan Michel Kuka Mboladinga, dessen Lumumba-Geste im Stadion antikoloniale Erinnerung sichtbar macht, erhielt kein US-Visum. Organisierte Fangruppen aus Senegal und Côte d’Ivoire konnten ihre Nationalmannschaften teilweise gar nicht begleiten. Aus dem Versprechen eines globalen Fußballfestes wurde für viele Menschen eine Frage von Pass, Herkunft und Grenzkontrolle.

Die Grenze verlief jedoch nicht nur am Flughafen. Sie verlief auch über den Kontostand.

Besonders deutlich zeigte sich das an den sogenannten Visa Bonds. Staatsangehörige bestimmter Länder konnten verpflichtet werden, für ein B1/B2-Besuchsvisum finanzielle Sicherheiten von 5.000, 10.000 oder 15.000 US-Dollar zu hinterlegen. Für die Weltmeisterschaft war das besonders relevant, weil mit Algerien, Cabo Verde, Côte d’Ivoire, Senegal und Tunesien gleich fünf afrikanische Teilnehmerländer unter diese Regel fielen.

Kurz vor Turnierbeginn wurde die Pflicht für bestimmte WM-Reisende ausgesetzt: Teammitglieder, notwendiger Support-Staff und registrierte Fans konnten vom Bond befreit werden, wenn sie rechtzeitig Tickets gekauft und sich über das FIFA-PASS-System registriert hatten. Das löste das Problem nur teilweise. Die regulären Visa- und Sicherheitsprüfungen blieben bestehen. Und schon die zeitweise Existenz dieser Regel zeigt, wie schnell ein globales Fußballfest durch finanzielle Sicherheitslogik sortiert wird. Wer zunächst 15.000 Dollar hinterlegen muss, gehört zum „WE ARE 26“-Versprechen nur unter Vorbehalt.

Auch die Ticketpreise wurden zur Eintrittsbarriere. Gruppenspiele kosteten offiziell meist zwischen 100 und 575 US-Dollar, Finaltickets zwischen 2.030 und 6.370 US-Dollar. Auf dem Wiederverkaufsmarkt lagen selbst Gruppenspiele teils bei über 1.000 US-Dollar. Die viel zitierten 60-Dollar-Tickets blieben angesichts von Millionen verkaufter Eintrittskarten eine Ausnahme. Wer aus Dakar, Abidjan, Kinshasa oder Praia anreisen wollte, musste also nicht nur ein Visum erhalten und Grenzkontrollen passieren, sondern auch ein Preisniveau tragen, das für viele Fans aus dem Globalen Süden bereits die nächste Grenze darstellte.

Nicht nur die Vereinigten Staaten nutzten solche Mechanismen. Auch Kanada hielt ausdrücklich am regulären Einreiserecht fest: Ein gekauftes WM-Ticket garantierte weder Visum noch elektronische Einreisegenehmigung. Medien berichteten unter Berufung auf Daten der kanadischen Einwanderungsbehörde IRCC, dass in den ersten Monaten des WM-Verfahrens nur rund 41 Prozent der als WM-bezogen markierten Einreiseanträge positiv beschieden wurden. Besonders auffällig war Ghana: Dort seien von mindestens 1.725 bearbeiteten Anträgen nur etwa elf Prozent genehmigt worden.

Hinzu kamen temporäre Gesundheitsmaßnahmen. Wegen Ebola setzte Kanada ab dem 27. Mai 2026 Einreisedokumente für Menschen aus, die in der Demokratischen Republik Kongo, Südsudan oder Uganda lebten und diese Länder als letzten Wohnsitz angegeben hatten. Selbst bereits genehmigte Visa oder elektronische Reisegenehmigungen konnten vorübergehend nicht genutzt werden. Auch wenn solche Maßnahmen gesundheitspolitisch begründet wurden, zeigen sie im Kontext der Weltmeisterschaft, wie fragil globale Teilhabe bleibt.

Nun kann natürlich eingewandt werden, dass das aktive Aussperren eines Teils der Fußballfamilie nicht allein in den Händen der FIFA lag. Am Ende entscheiden Gastgeberstaaten über Visa, Grenzkontrollen und Sicherheitsprüfungen. Nur wirkt diese Entschuldigung ausgerechnet bei der FIFA bemerkenswert bequem. Denn derselbe Verband, der bei Steuerfragen, Arbeitsgenehmigungen und administrativen Sonderwegen sehr genau weiß, was er von Gastgeberstaaten verlangt, erscheint beim Zugang von Fans, Journalist*innen oder Offiziellen plötzlich erstaunlich zahnlos.

Die nächste Weltmeisterschaft führt 2030 unter anderem nach Marokko. Das klingt zunächst nach einer Korrektur: mehr Afrika, mehr Sichtbarkeit, vielleicht mehr Teilhabe.

Doch Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie Gleichberechtigung.

Eine Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden garantiert noch keine Weltmeisterschaft auf Augenhöhe. Genau das ist die Lehre aus 2026. Die FIFA kann bei Steuerbefreiungen, Sonderrechten und Vermarktungsinteressen politische Berge versetzen. Geht es um Visa, Grenzregime, Ticketpreise und den Zugang von Fans, Journalist*innen oder Offiziellen, verweist sie dagegen auf die Souveränität der Gastgeberstaaten.

Das ist keine Ohnmacht. Das ist Prioritätensetzung.

Wer sich vertiefend mit FIFA, afrikanischem Fußball und globalen Ungleichheiten im Sport beschäftigen möchte, findet Anknüpfungspunkte unter anderem in Paul Darbys „Africa, Football and FIFA“, dem Sammelband „African Football Migration“ sowie Isha Johansens „The Uncommon Enemy“. Zur menschenrechtlichen Dimension von Sportgroßereignissen empfiehlt sich außerdem die von der Christlichen Initiative Romero herausgegebene Broschüre „Moral im Abseits“, an der unter anderem Sandra Dusch Silva und Rico Noack mitgewirkt haben.

Zum Autor: Rico Noack ist Vorstandsmitglied von Gesellschaftsspiele e.V., einer Mitgliedsorganisation des Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlags (BER). Der Verein verbindet Fußball mit entwicklungspolitischer Bildungsarbeit und setzt sich für globale Gerechtigkeit, Antirassismus und gesellschaftliche Teilhabe ein. Aktuell kooperiert Gesellschaftsspiele e.V. mit dem Fußballverband von São Tomé und Príncipe und führt Bildungsangebote an Schulen sowie mit Faninitiativen durch.