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Was wir fordern

Wir fordern, dass sich das Land Berlin kritisch mit seiner Rolle als Kolonialmetropole auseinandersetzt.

Bisher ist die deutsche Kolonialgeschichte zu wenig bekannt oder wird in der Öffentlichkeit und in der Schulbildung glorifiziert. In Berlin finden sich noch viele koloniale Spuren, ob auf Straßenschildern, Denkmälern oder in ehemaligen Gebäuden, die eine bedeutende Rolle in der Kolonialzeit spielten. Wer vom Kolonialismus nichts weiß, kann die Ursachen von Ungerechtigkeit und Rassismus in Berlin und der Welt nicht verstehen. Denn Kolonialismus führte zu Völkermorden und ökonomischer Ausbeutung, er legte die Grundlagen für die Aufteilung der Welt in den reichen Globalen Norden und den armen Globalen Süden. Für eine dekoloniale Landesentwicklungspolitik in Berlin ist die kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte Berlins eine grundlegende Voraussetzung.

Wir fordern ein stadtweites Konzept zur kritischen Aufarbeitung der Kolonialgeschichte und seiner Folgen in Berlin.

Wem, warum und in welcher Form öffentlich gedacht wird, ist Teil von Erinnerungspolitik. Bisher wird der deutschen Kolonialgeschichte wenig erinnert und wenn, wird der Täter gedacht und nicht der Millionen Opfer. Ein stadtweites Konzept zur Kolonialgeschichte Berlins kann Leerstellen offenbaren, historische Verflechtungen aufzeigen und eine kritische Gedenkkultur zum Kolonialismus zum Ziel haben. Es sollte in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, insbesondere der migrantisch-diasporischen Gruppen, und der Partnerstadt Windhoek erstellt werden. Der Beschluss des Hamburger Senats (2014) zur Erstellung eines bundesweit ersten städtischen Konzepts zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte kann dabei als Vorbild dienen. Für die Erstellung und dessen Umsetzung müssen Personal- und Sachmittel für alle beteiligten Akteur*innen bereitgestellt werden. Die Städtepartnerschaft mit der namibischen Hauptstadt Windhoek muss in das Erinnerungskonzept eingebunden und dadurch mit Leben gefüllt werden. Ein Aufarbeitungskonzept muss alle relevanten Politikfelder (Kultur, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Umwelt, Anti-Distriminierung) in den Blick nehmen.

Neun Berliner Straßen, die nach Kolonialverbrechern benannt sind, und die „Mohrenstraße“ müssen umbenannt werden.

Mit Straßennamen werden Menschen geehrt. Will Berlin wirklich Menschen ehren, die verantwortlich für den Tod und die Ausbeutung tausender Menschen waren? Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat das geändert: 2010 wurde das Gröbenufer in May-Ayim-Ufer umbenannt. Mit der Umbenennung wurde in Deutschland erstmals eine Perspektivumkehr vollzogen: Statt eines Kolonialakteurs wird einer Aktivistin gegen Kolonialismus und Rassismus gedacht. Der BER hat (zusammen mit AfricAvenir International, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, Internationale Liga für Menschenrechte, Projekt „Unterm Teppich?“, Tanzania-Network.de, Uwatab und Werkstatt der Kulturen) ein Dossier über Straßennamen mit Bezügen zum Kolonialismus in Berlin herausgegeben, in dem sich 70 solcher Straßen und Plätze finden. Bei all diesen Straßen sollte auf ihren kolonialen Kontext verwiesen werden, etwa durch Erklärungsschilder. In besonders eklatanten Fällen, speziell dort, wo „Kolonialpioniere“, wie beispielsweise Hermann von Wissmann, geehrt oder rassistische Begriffe, wie im Falle der Mohrenstraße, verwendet werden, sind Umbenennungen unumgänglich.

Wir fordern die Schaffung eines Mahnmals für die Opfer von Kolonialismus und Sklaverei in Berlin.

Mehr als 30 Millionen Afrikaner*innen wurden Opfer von Versklavung und kolonialer Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bis zu 400.000 afrikanische Menschen haben die deutschen Truppen in Namibia (Herero-Aufstand 1904) und in Tansania (Maji-Maji-Krieg 1905-1907) ermordet. Hunderttausende Menschen afrikanischer Herkunft sind auf Seiten der Alliierten für die Befreiung Deutschlands vom Naziregime gefallen. Schwarze Deutsche wurden von den Nazis zwangssterilisiert oder in Konzentrationslagern ermordet. Trotz der Aufforderung der UN „als Mittel zur Aussöhnung und Heilung […] den Opfern […] ein ehrendes Andenken zu bewahren“ (UN-Erklärung von Durban 2001) gibt es in Berlin keine Gedenkstätte für die afrikanischen Opfer von Versklavung, Kolonisierung und Naziverbrechen.

Wir fordern, dass offengelegt wird, wie außereuropäische Kulturschätze und menschliche Gebeinen in die Berliner staatlichen Museen gekommen sind.

Wir fordern die Offenlegung der Aneignungsumstände von außereuropäischen Kulturschätzen und menschlichen Gebeinen in den Berliner staatlichen Museen und den Dialog mit den Herkunftsgesellschaften über deren Rückgabe. In vielen Berliner Museen werden Objekte aus der Kolonialzeit ausgestellt. Für die Öffentlichkeit nicht zugänglich lagern zusätzlich ca. 500.000 Objekte und knapp 10.000 menschliche Gebeine aus dem Globalen Süden in den Depots der Staatlichen Museen zu Berlin und in der Charité. Informationen über die Umstände des Erwerbs dieser Objekte, ob sie zum Beispiel in Zusammenhang mit kolonialen Eroberungen nach Berlin gekommen sind und an die Herkunftsländer zurückgegeben werden müssen, liegen zum Teil nicht vor. Und das, obwohl die Museen den ICOM-Code of Ethics (Ethischen Richtlinien für Museen) unterzeichnet haben, worin dies als Aufforderung niedergelegt ist. Dort, wo der Umstand des Erwerbs bekannt ist, sind die Objekte unzureichend mit Kommentaren versehen.

Wir fordern die Aussetzung der Arbeit am Humboldt-Forum im Berliner Schloss.

Im Humboldt-Forum werden die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst präsentiert. Der weitaus größte Teil der über 500.000 wertvollen Exponate aus aller Welt kam im Zusammenhang mit kolonialen Eroberungen nach Berlin. Diese sollen in der wiedererrichteten Residenz der brandenburgisch-preußischen Hohenzollern gezeigt werden, die auch für die Versklavung von Menschen aus Afrika verantwortlich waren. Die alten Objekte aus aller Welt werden im Konzept des Humboldt-Forums als das vermeintlich „Fremde“ und „Andere“ inszeniert und den umfangreichen Sammlungen europäischer Kunst auf der Berliner Museumsinsel zur Seite gestellt. Europa wird dabei als überlegene Norm konstruiert. Diese Form lehnen wir ab. Die Diskussion über das Konzept und die ausgestellten Objekte muss öffentlich und die Konzeptionen unter Beteiligung von Fachexpert*innen aus dem Globalen Süden und der migrantischen Communities in Berlin erfolgen.