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Eine Welt Stadt Berlin ist
Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER)

Lüderitzstraße

Warum umbenennen? Adolf Lüderitz war ein Bremer Kaufmann, der die Nama an der Küste des heutigen Namibia um einen großen Teil ihres Landes betrog. Im Kaufvertrag gab er vor, mit der englischen Meile zu rechnen, es handelte sich jedoch um die viermal so lange geographische Meile. Von der Kolonialbewegung wurde er als »Kolonialpionier« und Begründer der Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« heroisiert.

Die Lüderitzstraße in Mitte

… liegt im »Afrikanischen Viertel« und verbindet die Ottawistraße mit der Seestraße. Die U-Bahnhöfe Rehberge und Seestraße liegen in der Nähe. Sie hat eine Länge von ca. 850 Meter und ist eine Wohnstraße mit älteren Mehrfamilienhäusern, die um die Jahrhundertwende und nach dem 1. Weltkrieg entstanden. An der Ecke zur Kameruner Straße liegt das Café »Fredericks«. Es ist nach dem Widerstandskämpfer der Nama von Bethanien (!Aman), Cornelius Fredericks, benannt, der 1906 im Konzentrationslager in der Lüderitzbucht ermordet wurde.

Benennungsjahr der Straße: 1902

 

Welche Städte haben bereits umbenannt?

  • Dresden (1945): Umbenennung in Max-Liebermann-Straße

  • Leipzig (1947): Umbenennung in Gregor-Fuchs-Straße

  • Köln (1990): Umbenennung in Usambarastraße

    Die Fraktion der Grünen beantragte die Umbenennung in Marengo-Straße. Sie »fanden es angemessen, den historischen Rahmen einzuhalten und eine Symbolfigur für den Freiheitskampf der afrikanischen Völker gegen die rassistische Unterdrückung zu wählen.« (1)

  • Bochum (1998): Umbenennung in Ottilie-Schoenewald-Straße

    Die Bochumer Initiative Südliches Afrika (BISA) schlug vor, die Lüderitzstraße in Dulcie-September-Straße umzubenennen. Auf Antrag der Grünen und einer SPD-Beirätin wurde die Straße in Ottilie-Schoenewald-Straße umbenannt.

  • Bad Hersfeld (2013): Umbenennung in Johannes-Klein-Straße

    Die Stadtverordnetenversammlung beschloss die Umbenennung der Lüderitzstraße gemeinsam mit der Carl-Peters-Straße. »Hintergrund der Umbenennungen ist die fragwürdige Vergangenheit der bisherigen Namensgeber. Sowohl Carl Peters (»Hänge-Peters«) wie auch Adolf Lüderitz sind Personen der deutschen Kolonialgeschichte und haben zum Teil erhebliche Schuld auf sich geladen.« (2)

 

Wie umbenennen?


Die Initiator*innen dieses Dossiers fordern bei der Umbenennung der nach Lüderitz benannten Straße den Bezug zur Kolonialgeschichte beizubehalten, aber die Perspektive der Erinnerung umzukehren. Das heißt, dass Personen des Widerstandes gegen die Kolonialmächte und gegen rassistische und koloniale Strukturen geehrt werden sollten.

Zu möglichen Alternativnamen

 

 

 

Ich bin ein Vertreter der Herero, lebe seit 30 Jahren in Berlin und kämpfe im NGO-Bündnis »Völkermord verjährt nicht!« für eine offizielle Bitte um Entschuldigung für den Genozid an den Herero und Nama (1904 – 1908) in Namibia sowie für Wiedergutmachung durch den deutschen Staat. Die Lüderitzstraße muss umbenannt werden, da sie den »Begründer« der ehemaligen Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« ehrt, eine Respektlosigkeit gegenüber den Opfern! Ich schlage die Ehrung der Namibierin Anna Mungunda vor, weil sie gegen Rassismus und Kolonialismus Widerstand geleistet hat.
Israel Kaunatjike

 

 

 

 

 

Zur Person

Adolf Eduard Franz Lüderitz (geboren am 16.7.1834 in Bremen, verstorben am 24.10.1886 im Oranjefluss im heutigen Namibia)

1899 wurden die neu angelegten ersten Straßen des »Afrikanischen Viertels« nach den damals deutschen Kolonien Kamerun und Togo benannt. Die Initiative ging vom Berliner Magistrat aus, der – angeregt durch andere Kolonialmetropolen – die systematische Schaffung eines ganzen Kolonialviertels plante. (3) Nach dieser Glorifizierung der Herrschaft des Deutschen Reiches über seine westafrikanischen Kolonien wurde 1902 mit der Benennung der Lüderitzstraße »zu Ehren des Begründers des deutschen Kolonialwesens« auch der Bezug zur Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« (heute Namibia) hergestellt. (4) Wie erklärt sich diese besondere Würdigung von Adolf Eduard Lüderitz als Initiator des deutschen Kolonialreichs?

 

Collage der NS-Kolonialpropaganda (Koloniales Bildarchiv, Universitätsbibliothek Frankfurt/ Main)

 

»Meilenschwindel«

Lüderitz entstammte der Familie eines Bremer Tabakgroßhändlers. Nach dem gescheiterten Versuch, sich als Plantagenbesitzer in Mexiko zu etablieren, erbte er 1878 das Geschäft seines Vaters. Bald schon gründete er eine Handelsniederlassung in Lagos, »Britisch-Westafrika « (heute Nigeria), die sich jedoch gegen die Konkurrenz nicht behaupten konnte. Daraufhin entwarf er Pläne für eine Niederlassung in Südwestafrika, wo er mit Alkohol und Waffen handeln wollte und auf Bodenschätze wie Gold, Diamanten und Kupfer spekulierte. 1883 landete sein Beauftragter Heinrich Vogelsang in der Bucht Angra Pequena und schloss im Namen von Lüderitz mehrere »Landkaufverträge« mit dem dort herrschenden Kaptein der !Aman (Nama von Bethanien), Joseph Frederiks ab. Im »Meilenschwindel« ließ »Lügenfritz« –wie er von kritischen Stimmen bald betitelt wurde – die Nama glauben, dass dem Vertrag die ortsübliche Maßeinheit der Englischen und nicht der etwa viermal so langen geografischen Meile zugrunde läge. So wurden die Nama um einen großen Teil ihres Landes betrogen. (5)

 

Koloniallobbyist

Die Region wurde auf Geheiß ihres neuen Besitzers von nun an Lüderitzland genannt, der Landungsort erhielt den Namen Lüderitz und der Küstenteil wurde in Lüderitzbucht umgetauft. Mit einer Reihe von weiteren ähnlichen Verträgen sicherte sich der Kolonialhändler einen Großteil der Küste des heutigen Namibia und zielte auf ein deutsches Kolonialreich, das sich bis zur Ostküste Afrikas ausdehnen sollte. Der »Reichsschutz« für die günstig erworbenen Gebiete, d.h. eine Zusage der militärischen Absicherung seines Landes von Seiten der deutschen Regierung, wurde Lüderitz am 24. April 1884 gewährt. Damit wurde das Deutsche Reich de facto zur Kolonialmacht, auch wenn Bismarck bis zum Ende seiner Amtszeit von »Schutzgebieten« sprach, für deren Kolonisierung private Gesellschaften verantwortlich sein sollten.

 

Heroisierung

Die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika war eine solche private Gesellschaft. Sie kaufte den Großteil des von Lüderitz angeeigneten Landes bereits 1885 für ein Vielfaches des ursprünglichen Kaufpreises. Nachdem er bei einer Erkundungstour 1886 im Oranjefluß ertrunken war, stilisierte die Kolonialbewegung den Bremer schon bald zum »Kolonialpionier«. In mehr als 30 deutschen Städten wurden bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein Straßen nach ihm benannt.

 

Wachsende Kritik

Nicht nur seine geschäftlichen Interessen wurden bei dieser Ehrung übergangen. Unerwähnt blieben auch seine Methoden des Landerwerbs, die in der Geschichtsschreibung mittlerweile als »Musterbeispiele eines rücksichtslosen, menschenverachtenden Vordringens« (6) gelten. Entsprechend haben sich neben Leipzig und Dresden inzwischen auch westdeutsche Städte wie Köln, Bochum und Bad Hersfeld gegen eine weitere Ehrung von Lüderitz durch Straßennamen entschieden. (7) Selbst seine Heimatstadt Bremen diskutiert den Fall. In Namibia wird sogar über die Umbenennung der nach dem Bremer Kolonialisten benannten Stadt verhandelt. Der ehemalige Regierungsbezirk Lüderitz trägt schon seit 2015 den Namen »!Nami#nus«. (8)

 

1. Zitiert nach Biesler, Andrea: Usambarastraße, www.kopfwelten.org/kp/orte/afrikaviertel/usambara (abgerufen am 25.4.2016).
2. Schönholtz, Karl: Zwei neue Straßennamen, Hersfelder Zeitung, 30.12.2013.
3. Der Polizeipräsident an den Preußischen Minister für Öffentliche Angelegenheiten, 4.2.1899, Geheimes Staatsarchiv (GStA) PK: HA I Rep. 77, Tit. 1319, Nr. 2, Bd. 17.
4. Ebd.
5. Zu Lüderitz siehe auch: Schnee, Heinrich von (Hrsg.): Deutsches Koloniallexikon, Leipzig 1920; Wehler, Hans-Ulrich: Bismarck und der Imperialismus, Köln/ Berlin 1969; Weber, Otto von: Geschichte des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika, Windhoek 1979; Gründer, Horst: Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 1985; Gründer, Horst: »Adolf Lüderitz«, in: Neue Deutsche Biographie, Band 15, München 1987, S. 452 f.; Wallace, Marion: A History of Namibia From the Beginning to 1990, London 2011.
6. Zitiert nach Speitkamp, Winfried: Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005, S. 27.
7. Zur Geschichte der Lüderitzstraßen in der Bundesrepublik Deutschland siehe: www.freedom-roads.de.
8. »!Nami#nus« bedeutet auf Khoekhoegowab »Umarmung«. Die Zeichenfolge beschreibt Vokale, Konsonanten und Klicklaute.

 

Text "Zur Person": Christian Kopp, Fotos: Tahir Della