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Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER)

Petersallee

Warum umbenennen? Der auch als »Hänge-Peters« und in Tansania als mkono wa damu (blutige Hand) bekannte Carl Peters etablierte durch Betrug und Gewalt die Kolonie »Deutsch-Ostafrika« und errichtete als Reichskommissar im Kilimandjarogebiet eine Terrorherrschaft. Die Initiator*innen des Dossiers betrachten die Umwidmung der Straße 1986 auf den Berliner Stadtverordneten Peters als Etikettenschwindel. Dadurch wird der koloniale Benennungskontext verschwiegen und kein Perspektivwechsel in der Erinnerungspolitik ermöglicht.

Die Petersallee in Mitte (Wedding)

… liegt unweit der U-Bahnstationen Afrikanische Straße und Rehberge. Sie wird durch den Nachtigalplatz in zwei Teile geteilt: Der längere Teil ist durch Mehrfamilienhäusern geprägt und verbindet die Afrikanische Straße mit der Müllerstraße, auf der anderen Seite führt die Petersallee bis zum Eingang des Volksparks Rehberge. Hier befindet sich auch eine Gartenanlage.

Benennungsjahr der Straße: 1939


Welche Städte haben bereits umbenannt?

  • Hannover (1994): Umbenennung in Bertha-von-Suttner-Platz

    Die Umbenennung war das Resultat einer fast zwanzigjährigen Diskussion. Das hannoversche Verwaltungsgericht unterstützte den Beschluss der rotgrünen Mehrheit im Stadtrat: »Die Namensgebung nach Carl Peters sei unvereinbar mit den demokratischen Grundwerten und gefährde das Ansehen der Stadt. [...] Die Vorwürfe gegen Carl Peters wiegen schwerer als das Identifikationsverlangen der Anwohner.« (1)

  • Kiel (2007): Umbenennung in Albert-Schweitzer-Weg

    Die Ortsbeiratssitzung stellt fest: »Die Beibehaltung des Namens der Carl-Peters-Straße ist angesichts der historischen Bewertung dieser Persönlichkeit für eine weltoffene Landeshauptstadt nicht mehr akzeptabel. Es besteht Einigkeit in allen Ratsfraktionen, dass die Landeshauptstadt Kiel eine zumindestmoralis che Verpflichtung hat, auch heute noch eine Umbenennung dieser Straße vorzunehmen«. (2)

  • Korntal-Münchingen (2009): Umbenennung in Lembergstraße

    Der Gemeinderat der Stadt Korntal-Münchingen nannte folgende Begründung: »Während der Zeit des Nationalsozialismus im Jahr 1938 waren die beiden Straßen [Wissmann- und Carl-Peters-Str., Anm. d. Red.] nach ›Kämpfern für Deutschlands Kolonien‹ benannt worden. Diese im nationalsozialistischen Gedankengut begründete Entscheidung gehört nach Auffassung des Gemeinderates revidiert«. (3)

 

weitere Umbenennungen

Heilbronn (1947/48), Karlsruhe (1987), Hildesheim (1989), Köln (1990), Mühlheim an der Ruhr (1995), Bonn (1996), Bochum (1998), München (2000), Oberhausen (2007), Bietigheim-Bissingen (2008/09), Delmenhorst (2009), Baden-Baden (2010), Mannheim (2011), Soltau (2011), Bad Hersfeld (2013), Ludwigsburg (2015)

 

Wie umbenennen?

Die Initiator*innen dieses Dossiers fordern bei der Umbenennung der nach Peters benannten Straße den Bezug zur deutschostafrikanischen Kolonialgeschichte beizubehalten, aber die Perspektive der Erinnerung umzukehren. Das heißt, dass Personen des Widerstandes gegen die Kolonialmächte und gegen rassistische und koloniale Strukturen geehrt werden sollten.

Zu möglichen Alternativnamen

 


Ich habe die britische Kolonialzeit in Tansania noch miterlebt. Seit 30 Jahren lebe ich in Deutschland und seit 2007 bin ich bei Berlin Postkolonial in der kolonialkritischen Bildungsarbeit aktiv. Ich fordere die Umbenennung der Petersallee, da ihr Namensgeber »Hänge-Peters« viele von meinen Landsleuten brutal umgebracht hat. Ich möchte, dass sie in Zukunft Maji-Maji-Allee heißt und die Deutschen an den größten Widerstandskrieg erinnert, der je gegen ihre Kolonialherrschaft geführt wurde. Es ist erschreckend, dass es hier noch immer so viele Denkmäler und Straßennamen gibt, die Kolonialverbrecher ehren, während unser Befreiungskampf nirgend erwähnt wird.
Mnyaka Sururu Mboro

 

 

Zur Person

Carl Peters (geboren am 27.9.1856 in Neuhaus/ Elbe, verstorben am 10.9.1918 in Bad Harzburg

1939 wurde der im »Afrikanischen Viertel« gelegene Teil der Londoner Straße von den Nationalsozialisten nach Carl Peters (1856 – 1918), dem »Begründer« der ehemaligen Kolonie »Deutsch-Ostafrika« (heute Tansania, Burundi und Ruanda), benannt. Peters hatte 1883 begonnen, Pläne für die Errichtung eines deutschen Kolonialreiches zu schmieden. Mit Unterstützung der von ihm initiierten »Gesellschaft für deutsche Kolonisation« brach er 1884 auf, um die »deutsche Nation endlich an der Verteilung der Erde« zu beteiligen. (4)

 

Collage der NS-Kolonialpropaganda (Koloniales Bildarchiv, Universitätsbibliothek Frankfurt/ Main)

 

Landraub am Indischen Ozean

Mit Gewalt und Betrug erwirkte seine Expedition im heutigen Tansania viele fragwürdige Verträge mit lokalen Autoritäten, auf deren Grundlage sich Peters die Souveränität über riesige Gebiete aneignete. Im Zusammenhang mit der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85, bei der über die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Kolonialmächten verhandelt wurde, erhielt er von Bismarck einen kaiserlichen »Schutzbrief« zur Sicherung dieser Gebiete. Sie waren der Grundstein für die spätere Kolonie »Deutsch-Ostafrika«.



Kriegszug durch Ostafrika

1887 erzwang er einen »Pachtvertrag« über den bedeutsamen Küstenstreifen des sansibarischen Sultanats. Als »mkono wa damu« (Kiswahili: »blutige Hand«) bekannt, zog Peters 1890 /91 ein zweites Mal ins Landesinnere aus. Ziel dieser gewalttätigen Expedition, die gegen den Willen der Reichsregierung durchgeführt wurde, war es, möglichst große Gebiete im heutigen Kenia und Uganda zu unterwerfen und an »Deutsch-Ostafrika« anzugliedern. (5)

 

Mitbegründer des »Alldeutschen Verbandes«

Bald darauf wurden diese Gebiete im so genannten Helgoland-Sansibar-Abkommen vom Deutschen Reich an Großbritannien abgetreten. Aus Protest stand Peters gemeinsam mit Alfred Hugenberg bei der Gründung des rechtextremen »Alldeutschen Verbandes« Pate. Er gilt heute als einer der maßgeblichen Wegbereiter der NSDAP.

 


Mord am Kilimanjaro

Trotz seiner Kritik an der deutschen Kolonialpolitik wurde Peters 1891 zum Reichskommissar für das Kilimanjaro-Gebiet ernannt. Im darauf folgenden Jahr wurde bekannt, dass er seinen afrikanischen Diener Mabruk und kurz darauf eine junge Frau namens Jagodjo hatte hängen lassen. Diese gehörte zu einer Gruppe afrikanischer Frauen, die sexualisierter Gewalt durch Peters und andere weiße deutsche Männer der Station ausgesetzt waren. Der Mord an Mabruk wurde von Peters damit begründet, dass dieser versucht habe, sich Zugang zu dem Haus zu verschaffen, in dem die Frauen untergebracht waren.

 

Entlassung aus dem Staatsdienst

Erst nachdem diese Verbrechen 1896 von der SPD im Reichstag zur Sprache gebracht wurden, sah sich die deutsche Regierung gezwungen, ein Disziplinarverfahren gegen Peters einzuleiten, bei dem er jedoch nur des »wiederholten Amtsmißbrauchs« für schuldig befunden und aus dem Staatsdienst entlassen wurde. (6)

 

Rehabilitierung im NS

Den Nationalsozialisten galt er als einer der großen Deutschen. Sein Leben wurde 1941 im rassistischen, antisemitischen und antiparlamentarischen Propagandastreifen »Carl Peters – Ein deutsches Schicksal« mit Hans Albers verfilmt. In Hannover wurde ein bis heute erhaltenes Peters-Denkmal errichtet. Der NS-Historiker Walter Frank gab Peters’ Gesammelte Schriften heraus und arbeitete an einer (unvollendeten) Biografie des »großen Erzieher[s] der deutschen Nation« und Vorkämpfers für die Weltherrschaftspläne der Nationalsozialisten. (7)

 

Etikettenschwindel im Wedding

Vor dem Hintergrund einer Umbenennungsinitiative der Alternativen Liste beschloss die Weddinger Bezirksverordnetenversammlung 1986 die »Umwidmung« der Straße. Sie ließen die ersten und bis heute einzigen Erklärungsschilder in Berlins Kolonialviertel anbringen. Auf diesen steht seit damals »Prof. Dr. Hans Peters, Stadtverordneter (1896 – 1966)«.

 

1. Hannoversche Allgemeine Zeitung, 5.6.1993.
2. Ortsbeirat Neumühlen-Dietrichsdorf/Oppendorf, Sitzungsniederschrift vom 22.3.2007.
3. Bericht aus der Öffentlichen Sitzung des Gemeinderates am 28.7.2011.
4. Peters, Carl: Aufruf der Gesellschaft für deutsche Kolonisation, 3.4.1884, in: Gründer, Horst (Hrsg.): »... da und dort ein junges Deutschland gründen« – Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, München 2006, S. 88ff.
5. Siehe Peters, Carl: Die Deutsche Emin-Pascha-Expedition, München 1891.
6. Siehe: Die Urteile der Disziplinargerichte gegen Dr. Karl Peters, Reichskommissar a.D., München 1907.
7. Zu Peters siehe: Peters, Carl: Die Gründung von Deutsch-Ostafrika, Berlin 1906; Peters, Carl: Wie Deutsch-Ostafrika entstand! Persönlicher Bericht des Gründers, Leipzig 1940; Frank, Walter (Hrsg.): Carl Peters’ Gesammelte Werke, München, 1943; Müller, Fritz Ferdinand: Deutschland-Zanzibar-Ostafrika - Geschichte einer deutschen Kolonialeroberung, 1884 – 1890, Berlin 1959; Krätschell, Herrmann: Carl Peters, 1856 – 1918: Ein Beitrag zur Publizistik des imperialistischen Nationalismus in Deutschland, Berlin 1959; Wehler, Hans-Ulrich: Bismarck und der Imperialismus, Köln 1969; Gründer, Horst: Geschichte der deutschen Kolonien, Stuttgart 1985; Geulen, Christian: »The Final Frontier...« – Heimat, Nation und Kolonie um 1900: Carl Peters, in: Kundrus, Birthe (Hrsg.): Phantasiereiche – Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt 2003, S. 35 – 55; Bruns, Karin: Carl Peters, in: Neue Deutsche Biographie, Band 20, Berlin 2001, S. 239 – 240; Perras, Arne: Carl Peters and German Imperialism, Oxford 2004.

Text "Zur Person": Christian Kopp, Foto: Tahir Della